Die Epstein-Files führen auch nach Österreich. Für Journalisten weltweit sind sie eine wertvolle Quelle.

Mit Jeffrey Epstein will niemand in Verbindung stehen. Und erst recht möchte niemand den eigenen Namen in den Dokumenten lesen, die vom US-Justizministerium Stück für Stück veröffentlicht werden. Sie sind frei zugänglich, aber viel ist geschwärzt. Journalistinnen und Journalisten auf der ganzen Welt sind aktuell dabei, die Dateien zu durchsuchen. Manche Details darin sind tiefere Recherchen und Berichterstattung wert. So werden nach und nach weitere Details zum Umfeld von Jeffrey Epstein öffentlich, zu seinen Geschäftsverbindungen und dazu, wo er unterwegs war und wann.
Auch der Investigativjournalist Daniel Laufer von Paper Trail Media beschäftigt sich mit den Files. Paper Trail Media ist ein Team von Investigativjournalistinnen und -journalisten mit Sitz in München. Es wurde von Frederik Obermaier und Bastian Obermayer gegründet, die unter anderem für ihre Arbeit zum Ibiza-Skandal bekannt sind. Laufer hat mir von seiner Arbeit mit den Dokumenten erzählt, davon, was wir bisher über das Netzwerk rund um Epstein wissen, und auch, was es mit dem österreichischen Pass auf sich hat, der Epstein 2019 abgenommen worden ist.
Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Gespräch:
- Die Epstein-Files umfassen mehr als drei Millionen Dateien: Dokumente, E-Mails, Fotos und Videos. Das US-Justizministerium stellt sie außerdem mittlerweile nicht mehr als Download-Link zur Verfügung, was die Daten leichter durchsuchbar machen würde. Stattdessen kann man sie über ein Textfeld auf der Website des Ministeriums durchsuchen, wobei die Suche dann Links zu einzelnen Dateien auswirft. Man muss sich also einzeln durchklicken.
- Die Arbeit mit den Epstein-Files gleicht der Suche nach einer Nadel in einem Heuhaufen, von der man nicht einmal weiß, wie sie aussieht. Investigativjournalisten tasten sich also heran, indem sie beispielsweise einen Namen suchen, der möglicherweise in den Dokumenten enthalten sein könnte. Wenn man zu Österreich-Verbindungen recherchiert, kann man beispielsweise nach „Vienna“ suchen.
- Es sind bisher schon wesentliche Erkenntnisse aus den Files hervorgegangen. Um den Wert der Files abschließend bewerten zu können, müssen sie erst noch gründlicher ausgewertet werden. Laufer denkt, dass noch viel Spannendes in den Dokumenten zu finden ist. Die Brisanz gewisser Informationen ergibt sich nämlich oft nicht auf den ersten Blick, sondern erst, nachdem man tiefer in die Materie eingetaucht ist.
- Es ist vorstellbar, dass die Trump-Regierung durch Schwärzungen bewusst versucht, den Erkenntnisgewinn zu beeinflussen beziehungsweise die Berichterstattung zu lenken. Ein Bild, das Trump mit einer Frau im Bikini gezeigt hat, ist etwa plötzlich verschwunden und dann wieder aufgetaucht – mit einer nicht nachvollziehbaren Erklärung. Die Schwärzungspraxis ist allerdings nicht sonderlich sorgfältig. Das ist nützlich für Journalistinnen und Journalisten bei ihren Recherchen, macht aber mitunter schützenswerte Personen identifizierbar.
- Epsteins österreichischer Pass ist authentisch – bis auf das Passfoto. Die Person, deren Name darin steht, gibt es wirklich, das Geburtsdatum der Person stimmt, die Person dürfte tatsächlich – wie es im Pass steht – eine Zeit lang in Saudi-Arabien gelebt haben. Aktuell lebt sie in den USA. Sie ist im Immobiliengeschäft tätig und verkehrt unter anderem in Palm Beach – ganz in der Nähe von Trumps Resort Mar-a-Lago. Die Person scheint dort auch einmal an einer Veranstaltung teilgenommen zu haben, bei der scheinbar Trump selbst anwesend war. Auf Rechercheanfragen hat die Person nie reagiert.
- Jeffrey Epstein hat ein Netzwerk einflussreicher, mächtiger und intelligenter Menschen um sich geschart. Womöglich wollte er damit interessant wirken, sich selbst damit aufwerten, dass er Dreh- und Angelpunkt einer gewissen High Society war. Er wird selbst als schamlose Person beschrieben und als Person, in deren Gegenwart andere Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, einen gewissen sicheren Raum gefunden haben –„so grotesk das klingen mag“. Es könnte sein, dass das Netzwerk auch deshalb so stabil war, weil er Informationen über verschiedene Menschen hatte, mit denen er sie in der Hand hatte. Darüber, ob Epstein bewusst kompromittierendes Material gesammelt hat, kann aber nur spekuliert werden.
- Jeffrey Epstein ist bereits 2008 wegen Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung verurteilt worden. Demnach können jene Personen, die nachher mit ihm zu tun hatten, nicht argumentieren, keine Ahnung gehabt zu haben, dass sie es mit einem Sexualstraftäter zu tun haben. Selbst wenn eine Person aus juristischer Sicht ihre Strafe nach der Haft verbüßt hat, stellt sich die Frage, wie die Gesellschaft mit Menschen umgeht, die sich einer bestimmten Kategorie von Verbrechen schuldig gemacht haben.
- Die Affäre um Epstein ist durch sein prominentes Netzwerk in ihrem Kern eine politische. Wichtig ist jetzt zu klären, welche einflussreichen Personen von ihm profitiert hat, wer mitwissend war und wer womöglich an Straftaten beteiligt war. Die Epstein-Files könnten auch Donald Trump noch gefährlich werden, sollte nachgewiesen werden können, dass er minderjährigen Frauen ebenfalls sexualisierte Gewalt angetan hat. Aber die Dokumente sind nicht nur für Trump und die Republikanische Partei zumindest ein Image-Problem, sondern etwa auch für den demokratischen Ex-Präsidenten Bill Clinton oder für Microsoft-Mitbegründer Bill Gates.
Als US-Präsident Donald Trump im November dem Druck nachgegeben hat, die Epstein-Files freizugeben, habe ich mit der USA-Expertin und ZEIT-Journalistin Rieke Havertz darüber gesprochen, wie gefährlich die ganze Affäre für ihn werden könnte.
Im November haben übrigens zwei Entwickler einen Gmail-Klon mit dem Namen JMail gebaut, in den sie laufend die veröffentlichten E-Mails von Jeffrey Epstein einspeisen. Sie haben den E-Mail-Verkehr auch nach gewissen prominenten Namen sortiert. Abgesehen davon ist das Postfach über ein Textfeld durchsuchbar.
Ganz wichtig ist: Nur weil eine Person in den E-Mails oder Dokumenten vorkommt, heißt das nicht, dass die Inhalte strafrechtlich relevant sind oder sie auf irgendeine Weise in Epsteins Verbrechen involviert war. Funde einzuordnen ist die Aufgabe und der Wert journalistischer Arbeit. Wir sind auch dabei, zu recherchieren.