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26. März 2026

Österreichs Gletscher zerfallen. Was das bedeutet und welcher Spielraum noch bleibt


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Eine Gletscherhöhle unter dem Mittelbergferner in den Ötztaler Alpen – dem zweitgrößten Gletscher Tirols. (Foto: Jörg Längerer)

Bis 2050 dürfte es in Österreich kaum mehr Gletscher geben. Diese Prognose lassen die aktuellen Gletschervermessung des Österreichischen Alpenvereins zu. Nur dort, wo sie sehr geschützt sind, dürften dann noch Gletscher erhalten sein. Meist wird von einem Gletscherrückzug gesprochen – begleitet von Bildern, die zeigen, wie Gletscher früher ausgesehen haben im Vergleich zu heute. Tatsächlich zerfallen die Gletscher in den österreichischen Alpen mittlerweile strukturell.

Die Pasterze im Jahr 1928. Noch ist sie Österreichs größter Gletscher. (Foto: Postkarten Industrie AG Wien)
2024: In den kommenden ein, zwei Jahren dürfte die Gletscherzunge der Pasterze vom oberen Gletscherkörper abbrechen. (Foto: Jürgen Merz)

Die Gletscher in Österreich werden seit 1891 vermessen – von ehrenamtlichen Beobachtern und Beobachterinnen – ein Team von etwa 20 Personen, koordiniert vom Österreichischen Alpenverein. Es werden etwa 100 Gletscher vermessen – circa 10 Prozent des Bestands. Zwei Forscher vom Institut für Geografie und Raumforschung der Universität Graz leiten den Gletschermessdienst: Andreas Kellerer-Pirklbauer-Eulenstein und Gerhard Lieb. Ich spreche mit Kellerer-Pirklbauer-Eulenstein darüber, was Gletscher über die Klimaentwicklung verraten, und was ihr Zerfall für Österreich bedeutet.

Gletscher reagieren zeitversetzt auf klimatische Veränderungen. Maßnahmen, die wir heute treffen, wirken sich erst langfristig aus. Trotzdem müssen wir unser Möglichstes versuchen, gegen den Klimawandel anzukämpfen, sagt Gletscherforscher Andreas Kellerer-Pirklbauer-Eulenstein. (Foto: Archiv Kellerer-Pirklbauer-Eulenstein)

Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Gespräch:

  • Der Gletscherschwund ist einer von mehreren Indikatoren dafür, wie der Klimawandel verläuft – neben Hitze- und Dürreperioden und starken Niederschlagsereignissen.

  • Vereinzelte starke Kälte- oder Niederschlagsperioden und die Klimaentwicklung generell muss man unterscheiden: Die Klimatologie vergleicht 30-Jahres-Perioden. Beispielsweise lag in Graz die Jahresmitteltemperatur der Jahre 1991 bis 2020 ungefähr zwei Grad Celsius über der Jahresmitteltemperatur der Jahre 1891 bis 1920. Diese langfristigen Entwicklungen sind ausschlaggebend.

  • Gletscher reagieren zeitversetzt auf klimatische Veränderungen – je größer die Eismasse, desto langsamer die Reaktion. Bei größeren Gletschern kann das Jahrzehnte bis über 100 Jahre dauern. „Das heißt, das, was wir jetzt tun, ist erst sehr spät sichtbar. Das ist natürlich politisch absolut uninteressant, denn da muss ich irgend etwas machen, was man gleich mal sieht, damit ich das den Wählern verkaufen kann“, sagt Andreas Kellerer-Pirklbauer-Eulenstein.

  • Für einen ausgeglichenen Gletscherhaushalt müssten Gletscher Ende September noch immer von zwei Dritteln des Altschnee vom vorhergegangenen Jahr bedeckt sein. Aktuell bleiben nur maximal zehn Prozent des Schnees in den obersten Bereichen des Gletschers erhalten: „Deshalb wird eigentlich die gesamte Eisfläche eines Gletschers bis zum Ende des Sommers eine reine Abschmelz-Partie.”

  • Für den Gletscherhaushalt sind nicht nur Niederschlag und Temperatur im Winter entscheidend, sondern auch, wie heiß und trocken der Sommer verläuft.

  • Die Gletscher schmelzen mittlerweile so stark, dass es einerseits mehr Gletscherspalten gibt. Andererseits fließt das Schmelzwasser unter das Eis und höhlt die Gletscher zusätzlich von innen aus. Sobald die Eisschmelze Felsen freigelegt hat, strahlen diese durch Sonneneinstrahlung zusätzlich Wärme ab, was den Zerfallsprozess ebenfalls beschleunigt.

  • Neben Gletschern ist auch Permafrost ein wichtiger Indikator. Permafrost wirkt wie Kleber für Schutt und Felsen. Dadurch, dass er taut, müssen wir mit Naturgefahren rechnen – etwa mit Felsstürzen wie 2023 auf dem Fluchthorn in Tirol. Die Gefahren für zivile Infrastruktur sind allerdings überschaubar. Wer in die Berge geht, muss sich aber bei der Tourenplanung künftig intensiver damit auseinandersetzen, wo sich Strukturen verändert haben und möglicherweise mit Gefahren oder Herausforderungen zu rechnen ist.

  • Die Wasserversorgung in Österreich ist durch die Gletscherschmelze nur minimal betroffen. Auf das Ökosystem in den Bergen und die Wasserwirtschaft in Österreich wird sie sich aber auswirken. Es müssen schon jetzt Schutzhütten in der Saison früher zusperren, weil ihnen Wasserressourcen fehlen.

  • Auch, wenn Maßnahmen von heute nicht schon morgen Auswirkungen zeigen, ist es wichtig, das Möglichste zu versuchen – auch im Sinne eines Generationenauftrags. Die Politik muss unpopuläre Entscheidungen treffen, die langfristig positiv sind, und auch Individuen ihr Verhalten reflektieren.

In der Schweiz gab es übrigens Versuche, Gletscher mit Planen abzudecken, um sie vor Sonneneinstrahlung zu schützen – und zwar an Stellen, die für den Tourismus wichtig sind. Das ist effektiv, aber teuer und keine langfristige Lösung. Der Befund ist eindeutig: Mit technologischen Lösungen lässt sich der Eisverlust durch den Klimawandel nicht aufhalten.

Ein Update gibt es heute zu einer früheren B-Seite: In den USA ist ein spannendes Verfahren gegen Meta und YouTube entschieden worden. Die Unternehmen sind schuldig gesprochen worden, wissentlich ihre Social-Media-Plattformen so gestaltet zu haben, dass sie Kinder und Jugendliche süchtig machen. Meta und YouTube berufen gegen das Urteil, wir beobachten die Sache weiter. Wenn das Urteil aufrecht bleibt, könnte das ein ganz wichtiger Wendepunkt in einer Welt mit Social Media sein. Dazu, wie sich soziale Medien auf die Gehirne von Kindern und Jugendliche auswirken, habe ich zum Start des Prozesses im Februar mit Martin Korte gesprochen, Professor für zelluläre Neurobiologie an der Technischen Universität Braunschweig.


Ob du Bergmensch bist oder nicht: Ich freue mich auf deine Gedanken zum heutigen Thema!

Einen schönen Nachmittag wünscht dir

Pia Miller-Aichholz

B-Seite-Team