Der vielleicht gefährlichste Influencer Wiens - Teil 2 Klicks auf Kosten von Kindern

Auf TikTok inszeniert sich Mois als Wohltäter. Dass er vor zwei Jahren ohne Reue gestand, seine Ex-Frau fast totgeprügelt zu haben, scheint heute kaum jemanden zu interessieren. Doch wer genau hinsieht, merkt: Ganz hat er mit seiner Vergangenheit wohl nicht gebrochen.

Der vielleicht gefährlichste Influencer Wiens - Teil 2 Klicks auf Kosten von Kindern
Illustration: André Gottschalk für JETZT

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Der damalige YouTuber und Rapper Mois sah ich 2024 mit schweren Vorwürfen konfrontiert: Drogenmissbrauch, Antisemitismus und schwerste häusliche Gewalt. Ein Interview mit Mois ging damals viral, besonders folgende Aussage über seine Ex-Frau: „Ich hab’ sie geschlagen und ich bin Gott dankbar, dass ich sie nicht getötet habe, versteht ihr mich? Aber ich habs nicht getan. Weil ich mich kontrolliere. Aber es ist schwer, sich zu kontrollieren.“ Weiters richtete er ihr in diesem Video aus: „Sei froh, dass du nicht tot bist, Kahba.”

Mois verschwand danach eine Zeit lang von der Bildfläche, doch nun ist er zurück. Mittlerweile folgen ihm 2,2 Millionen Menschen auf TikTok. Seine Fans sind zu einem großen Teil minderjährig, manche noch nicht einmal 14 Jahre alt. Jugendliche aus Wien mit denen wir gesprochen haben, sehen Mois’ Vergangenheit zwar kritisch, doch finden das, was er heute macht, gut.

Viele seiner Fans verteidigen Mois in den Kommentarspalten unter seinen neuen Videos. Sie nennen ihn dort etwa einen „herzensguten Menschen”. Doch sehr oft taucht in den Kommentaren auch der Name Anys auf. Es ist der Name seiner Ex-Frau, die damals ihr Schweigen brach und sich zur Gewalt äußerte, die ihr Ex-Partner ihr und ihren Kindern angetan hatte. Obwohl die beiden schon lange getrennt sind und sie sich mittlerweile nicht mehr dazu äußert, wird sie weiterhin in den Kommentaren beschimpft und für Mois’ Absturz verantwortlich gemacht. Besonders unter Videos mit seiner neuen Freundin Seven häufen sich abfällige Kommentare über Anys. Sie wird als Ratte diffamiert, während seine neue Partnerin idealisiert wird.

In den Kommentaren unter seinen TikTok-Videos wird Mois als Wohltäter gefeiert und seine Ex-Frau beschimpft. (Screenshots TikTok @Moiszet; Collage: JETZT)

Bekannt ist, dass Mois rund um die Eskalationen im Jahr 2024 unter einer Psychose litt. Krankheitsbedingte Ausnahmezustände können Handlungen erklären, doch die Frage nach der tatsächlichen Aufarbeitung bleibt. Ein Jugendlicher aus Wien, mit dem wir gesprochen haben, bringt die angebrachte Skepsis auf den Punkt. Er rät dazu, genau hinzusehen, denn nur wenn man sich sicher sein könne, dass Mois sich wirklich verändert habe, könne man weiterhin Fan sein. Bis dahin sei Vorsicht geboten. Diesen Ansatz verfolgt auch die pädagogische Leiterin des Vereins Wiener Jugendzentren Merivan Kar in ihrer Arbeit: „Wenn ich mit Jugendlichen arbeite, lasse mir zuerst erzählen: Wieso glaubst du, dass das Wiedergutmachen ist, woran machst du das fest?” So rege sie dazu an, seine Inszenierung auf Social Media kritisch zu hinterfragen. „Natürlich will er sich auf Social Media gut darstellen, aber es ist wichtig, kritisch zu hinterfragen, ob er das ernst meint”, sagt sie. In einem nächsten Schritt stelle sie dann weitere Fragen: „Was denkst du, wie sieht seine Ex-Partnerin das?”

Profit mit dem Skandal

Eine Entschuldigung an seine Frau und seine Kinder fehlt bis heute, zumindest öffentlich. In einigen Videos zeigt er Reue, etwa gegenüber seinen Eltern und seinen Brüdern. Doch ob sich Mois tatsächlich verändert hat, darf bezweifelt werden. Ein paar Anhaltspunkte lassen eher Gegenteiliges vermuten.

Noch im Frühjahr gründete er eine eigene Kleidermarke mit dem Namen „Kahba“, genau jenes Schimpfwort, mit dem er zuvor seine Ex-Frau und seine Kinder wiederholt beleidigt hatte. Er und seine neue Freundin tragen die T-Shirts, Tanktops, Kappen und Socken mit dem Schriftzug in Videos und machen Werbung dafür. Teilweise sind die TikToks mit einem Remix des viralen Wut-Interviews aus dem Jahr 2024 hinterlegt. Von einer Distanzierung fehlt jede Spur, stattdessen macht er sich sein Meme-Potenzial zunutze.

Wenige Tage vor der Veröffentlichung dieses Beitrags und kurz nach meinen Anfragen an Mois und sein Management verschwand der Onlineshop allerdings plötzlich aus dem Netz. Ob es einen Zusammenhang gibt, wissen wir nicht. Meine Nachfrage beim ehemaligen Website-Inhaber blieb unbeantwortet.

Im Frühjahr gründete Mois eine Kleidermarke mit dem Namen „Kahba". Mittlerweile hat der Webshop-Betreiber die Zusammenarbeit beendet. (Screenshot: www.moiszet.com)

Ein weiteres Video, das er in Augsburg aufgenommen hat, untermauert die Zweifel an seinem Wandel. In einem Clip bietet Mois einem elfjährigen Mädchen 70 Euro an, wenn sie eine Zimtschnecke isst, ohne diese mit den Händen zu berühren. Im Hintergrund rufen ihm Jugendliche zu: „Verpiss dich aus Augsburg. Wir wollen dich hier nicht.” Mois reagiert prompt und geht im Schnellschritt auf die Jugendlichen zu. Er ruft ihnen hinterher: „Hab’ ich deine Mutter…?” Der 35-jährige Influencer lässt sich von den Jugendlichen provozieren und reagiert mit einem frauenverachtenden Kommentar über die Mutter des Kindes. Auf einen Bruch mit seinen alten Werten und Mustern lassen solche Videos nicht schließen.

Wir haben Mois natürlich für ein Interview angefragt und ihm auch die Möglichkeit gegeben, zu seiner Vergangenheit, all den erhobenen Vorwürfen und auch seinen heutigen Tätigkeiten Stellung zu nehmen, doch er hat auf unsere Anfragen bis Redaktionsschluss nicht reagiert.

Wie Mois einen 14-jährigen Wiener vor 7,5 Millionen Menschen bloßstellte

Öffentliche Stellen in Österreich, die mit Jugendlichen arbeiten, beobachten das Treiben des Influencers längst mit Sorge. Fabian Reicher von der Beratungsstelle Extremismus erzählt mir von einem freudigen Aufatmen im Büro, als Mois Wien im Mai nach mehreren Wochen endlich verließ.

Auch in der offenen Jugendarbeit des Vereins Wiener Jugendzentren ist Mois ein Dauerthema. Merivan Kar sieht vor allem im Bereich des Kinderschutzes gravierende Mängel. „Kinder sollen geschützt werden und ich finde, das macht er nicht. Wir als Jugendarbeiterinnen finden das natürlich sehr wichtig, dass da genau darauf geschaut wird.” Dass Mois seine Reichweite nutze und Videos von Kindern und Jugendlichen teile, die dann bloßgestellt und von anderen niedergemacht werden, sei höchst problematisch. Als erwachsener Mensch müsse er sich seiner Macht bewusst sein.

Merivan Kar ist heute pädagogische Leiterin im Verein Wiener Jugendzentren und unter anderem für die Bereich Online-Jugendarbeit und Jugendarbeit im öffentlichen Raum zuständig. Davor war sie selbst als Streetworkerin im 10. und im 21. Bezirk unterwegs. (Foto: Verein Wiener Jugendzentren)

Kar denkt dabei an einen konkreten Fall, der sich in Wien zugetragen hat: Im April veröffentlichte Mois mehrere Videos mit einem Jugendlichen, der in einer Wohngruppe der Wiener Kinder- und Jugendhilfe (MA11) lebt. Der Junge erzählte vor der Kamera, er habe keine Mutter und keinen Vater, und bittet Mois darum, ihm ein iPhone zu kaufen. Das Video hat mittlerweile über 7,5 Millionen Aufrufe. Es wurde zu einem der erfolgreichsten Clips auf Mois’ Kanal. Als sich kurz darauf herausstellte, dass die Behauptung, dass der Junge Vollwaise sei, nicht der Wahrheit entsprach, drehte Mois weitere Videos, in denen er den Jugendlichen öffentlich der Lüge bezichtigte und bloßstellte. Andere TikToker griffen die Videos auf und unter Mois’ Fans bricht eine Hasswelle gegen den Jungen aus.

Die MA11 holte sich als Obsorgeberechtigte bei der Kinder- und Jugendanwaltschaft Beratung. Ein möglicher rechtlicher Schritt wäre die Aufforderung zur Löschung der Videos gewesen. Doch der Junge wollte, dass die Videos online bleiben, heißt es von der Kinder- und Jugendhilfe auf Anfrage von JETZT. Da er bereits 14 ist und somit ein mündiger Minderjähriger ist, sei seine Entscheidung zu respektieren. Für Kar ist klar, dass die Verantwortung hier allein bei dem erwachsenen Influencer liegt, der die Eigendynamik solcher Veröffentlichungen abschätzen muss.

Doch was kann gegen solche Grenzüberschreitungen und mutmaßlichen Verstöße gegen den Schutz von Kindern und Jugendlichen getan werden?

Die gute Nachricht: Uns sind bei solchen Vorfällen nicht die Hände gebunden. Es gibt Möglichkeiten, gegen solche mutmaßlichen Verstöße gegen den Schutz von Kindern und Jugendlichen vorzugehen.

Was Eltern und Behörden tun können

#1

Auf Einzelfallebene können Obsorgeberechtigte zivilrechtlich vorgehen und etwa Löschungen beantragen. Doch vielen Eltern fehlen oft die finanziellen Mittel oder schlicht das technische Wissen, um rechtliche Schritte durchzusetzen. Kar fordert daher mehr Aufklärung und niedrigschwellige Angebote zur digitalen Medienkompetenz für Erwachsene. Eltern müssten nicht alles wissen, aber sie sollten keine Hemmungen haben, sich Hilfe zu holen, wenn sie mit dem Medienkonsum ihrer Kinder überfordert sind. Kar sagt: „Das ist keine Schwäche, ich finde es extrem stark, wenn Eltern sagen, ich weiß nicht mehr weiter, ich kenne mich da nicht aus, kann mir bitte jemand helfen?” Wünschenswert fände sie etwa Medienkompetenz-Kurse, die etwa Gemeinden, Arbeitsstellen oder das AMS anbieten könnten.

Wichtige Arbeit, wenn es um Aufklärung in Bezug auf Kinderschutz im Internet geht, leistet etwa der Verein Saferinternet.

#2

Eine weitere Hilfsinstanz im Vorgehen gegen rechtswidrige Inhalte im Netz sind sogenannte „Trusted Flagger”. Das sind zertifizierte Organisationen, die über Expertise im Erkennen von Hatespeech, Urheberrechtsverletzungen, Missachtung von Kinderschutz und anderen Verstößen verfügen. Wenn sie Inhalte in Sozialen Medien melden, müssen die Plattformbetreiber diese Meldungen vorrangig behandeln. In Österreich gibt es aktuell acht solche Organisationen, dazu gehören unter anderem Rat auf Draht, die Kinder- und Jugendanwaltschaft Oberösterreich, die Arbeiterkammer Wien und ZARA - der Verein für Zivilcourage und Antirassismusarbeit.

#3

Rechts- und Kinderschutzexpert:innen weisen auf einen weiteren zentralen, bisher kaum genutzten Hebel hin, der das Problem struktureller angeht. Influencer agieren nicht im rechtsfreien Raum. Sie sind Unternehmer und unterliegen den allgemeinen Jugendschutzgesetzen.

Im analogen Raum herrschen bei Projekten mit Kindern, etwa bei Theateraufführungen, strenge Auflagen und Kontrollen durch die Behörden hinsichtlich des Kinderschutzes. Währenddessen agieren Content Creator im digitalen Raum oft unreguliert. Dabei gibt es auch im Netz Jugendschutzgesetze, die eingehalten werden müssen. Ein Beispiel: Für die Veröffentlichung von Videos mit Kindern unter 14 Jahren braucht es die Zustimmung der Eltern. Könnte das Bildmaterial aber potenziell nachteilig für das Kind sein oder den höchstpersönlichen Lebensbereich verletzen, dann können selbst Eltern einer Veröffentlichung nicht zustimmen, wie der Oberste Gerichtshof in einem Urteil bestätigte. In der Praxis scheitert es jedoch an digitalen Kontrollen. In der analogen Welt führt etwa die Polizei Jugendschutzkontrollen durch. Im Netz passiert das kaum. Die Behörden werden bisher selten von Amts wegen tätig. In Fachgremien, wie dem Wiener Jugendschutzbeirat, wird derzeit daran gearbeitet, Sensibilität dafür zu schaffen, dass Jugendschutzbestimmungen auch für Unternehmerinnen und Unternehmer im digitalen Kontext verbindlich sind und von Behörden durchgesetzt werden müssen. Aktuell fehlt das Bewusstsein dafür, sowohl bei den zuständigen Stellen als auch bei den Influencern selbst.

Wer problematische Influencer für die junge Zielgruppe entzaubern kann

Die Regierung hat Ende Juli den Entwurf für ein Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige vorgelegt. Doch früher oder später werden Jugendliche unweigerlich auf Inhalte von Personen wie Mois stoßen. Das Verbot allein schützt nicht vor der Faszination. Das zeigen auch die bisherigen Erfahrungen in Australien: Als erstes Land der Welt hat Australien Ende 2025 ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige eingeführt. Eine Studie zeigt nun, dass dieses Verbot von mehr als drei Vierteln der Jugendlichen mit Fake-Accounts oder falschen Altersangaben umgangen wird.

Pädagoginnen wie Merivan Kar plädieren deshalb für einen pragmatischen, aufklärenden Zugang. Verbote und Verteufelung helfen wenig. Jugendarbeiter:innen und Eltern sollten sich informieren und das Thema gezielt als Gesprächsanlass nutzen. „Es macht total Sinn, dass wir als Jugendarbeiter:innen oder auch Eltern genau wissen, wer Mois ist, was Mois sagt und welche Themen er bedient”, sagt Kar. Wichtig sei es, herauszufinden, welches Bedürfnis hinter dem Konsumieren dieser Inhalte steckt.

Eine Begegnung auf Augenhöhe könne aber nur dann funktionieren, wenn man Jugendliche nicht nur als Zielgruppe behandle, sondern sie selbst Lösungsansätze entwickeln lasse. Etwa wie man mit dem Phänomen Mois umgehen sollte.
Eine 17-Jährige, die wir in Wien treffen, sagt, dass viele in ihrem Alter von den früheren Gewalt- und Hetz-Skandalen von Mois überhaupt nichts wissen. Sie sagt, man darf das nicht verschweigen und schlägt vor, das Thema direkt in der digitalen Lebenswelt der Jugendlichen zu behandeln. Wenn reichweitenstarke Streamer, die von der Zielgruppe respektiert werden, über die Vergangenheit von Mois aufklären würden, könnte das viele junge Fans erreichen. Rund um die Skandale 2024 nutzten einige YouTuber ihre große Reichweite, um kritisch über Mois zu berichten. Diese Videos gingen damals viral. Das könnten sie auch heute wieder, meint die 17-Jährige.Ein solcher Ansatz aus der eigenen Community heraus wäre zumindest ein erster Schritt und womöglich ein ziemlich wirksamer.

Hilfsangebote...

...für betroffene Frauen:

Frauenhelpline: 0800 222 555

Gewaltschutzzentren in den Bundesländern: 0800 700 217

Frauenhäuser in den Bundesländern

Beratungsstellen mit dem Schwerpunkt „Gewalt gegen Frauen und Kinder in der Familie“

Helpchat

Opfernotruf: 0800 112 112

TAMAR Beratungsstelle für misshandelte und sexuell missbrauchte Frauen, Mädchen und Kinder: 01/334 04 37

Kraftwerk gegen sexuelle Gewalt an Frauen mit Lernschwierigkeiten: 01/714 39 39

Anonyme Online-Beratung von Frauen beraten Frauen

Beratungstelefon für Gewalt im Alter: 0699 11 20 00 99

Hilfe bei Zwangsverheiratung: 01 728 97 25

Bund Autonome Frauenberatungsstellen bei sexueller Gewalt

Interventionsstelle für Betroffene von Frauenhandel: 01/796 92 98

Frauenhelpline: 0800 222 555

Gewaltschutzzentren in den Bundesländern: 0800 700 217

Frauenhäuser in den Bundesländern

Beratungsstellen mit dem Schwerpunkt „Gewalt gegen Frauen und Kinder in der Familie“

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Opfernotruf: 0800 112 112

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Kraftwerk gegen sexuelle Gewalt an Frauen mit Lernschwierigkeiten: 01/714 39 39

Anonyme Online-Beratung von Frauen beraten Frauen

Beratungstelefon für Gewalt im Alter: 0699 11 20 00 99

Hilfe bei Zwangsverheiratung: 01 728 97 25

Bund Autonome Frauenberatungsstellen bei sexueller Gewalt

Interventionsstelle für Betroffene von Frauenhandel: 01/796 92 98

... für Männer in Krisensituationen:

Männerberatungsstellen in Österreich: 0662 88 34 64

Männerberatung in Wien: 0800 400 777

Männernotruf: 0800 246 247

Männerberatungsstellen in Österreich: 0662 88 34 64

Männerberatung in Wien: 0800 400 777

Männernotruf: 0800 246 247

Weitere Sprecherinnen und Sprecher: Katharina Darya Ressl, Ingo Hasewend
Audioproduktion, Sounddesign, Mixing und Mastering: Patrik Haas