„Als wäre ein Schatten verschwunden“ Wie Ali Chameneis Tod das Leben der Iraner und Iranerinnen verändert

Für Nasim fühlt es sich an, als sei ein Schatten verschwunden, der sie ihr Leben lang verfolgt hat. Millionen Iranerinnen und Iraner erleben den Tod Ali Chameneis unter Bomben, ohne Schutz und von der Welt abgeschottet. Was bedeutet dieser Krieg für die Zivilbevölkerung, und welche Zukunft will eine politisch gespaltene Gesellschaft?

„Als wäre ein Schatten verschwunden“ Wie Ali Chameneis Tod das Leben der Iraner und Iranerinnen verändert
Collage: Hedi Lusser/JETZT

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Ich habe mir oft vorgestellt, wie ich Ali Chamenei finde und ihn umbringe“, sagte Nasim, eine 28-jährige Studentin aus Teheran, noch vor wenigen Wochen gegenüber JETZT. Nun ist der oberste geistliche Führer Ali Chamenei tot – getötet bei einem Luftangriff der USA und Israels, den viele Völkerrechtler als völkerrechtswidrig ansehen.

Am Samstagabend, dem 28. Februar, arbeitet Nasim in einem Restaurant in Wien. Sie greift nach ihrem Handy, das in ihrer Hosentasche steckt. Zuerst traut sie der Schlagzeile nicht, die sie gerade liest. Hektisch öffnet sie verschiedene Nachrichtenseiten und prüft jede Meldung. Langsam beginnt sie zu begreifen, was passiert ist. Nasim geht zu ihrem Kollegen und sagt aufgeregt: „Er ist tot!“ Für sie ist das ein Moment der Euphorie.

„Es war, als wäre ein Schatten verschwunden, der mich mein ganzes Leben verfolgt hat.“

In diesem Moment kommen Gäste ins Restaurant, die ebenfalls Iranerinnen und Iraner sind. Nasim ruft ihnen zu: „Gratuliere! Gratuliere!“. Doch sie teilen ihre Freude nicht. Im Gegenteil: Sie sind bestürzt über ihre Reaktion. „Ich wusste nicht, dass sie Regimeanhänger sind. Ich fühlte mich sehr unsicher in dem Moment“, sagt Nasim. Die Gäste drehen sich um und verlassen das Restaurant.

Währenddessen kursieren im Internet Videos von Menschen auf den Straßen Irans, die unter Drohnen feiern und tanzen. Eigentlich sollten sie sich in ihre Wohnungen zurückziehen, doch die Freude ist zu groß. Andere wiederum trauern um ihren obersten Führer. Was bedeutet dieser Krieg für die Zivilbevölkerung im Iran? Und wonach strebt die politisch gespaltene Zivilgesellschaft?

Nasim 2022 stand bei der „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung auf den Straßen der Hauptstadt. Wie viele andere protestierte sie gegen das System des islamischen Regimes, das seit 1979 besteht. Am 11. Februar jährte sich der Sturz der Schah-Dynastie zum 47. Mal. Meine Kollegin Eva Plank und ich haben zum Jahrestag einen Beitrag über die bedeutendsten Protestbewegungen gegen das islamistische Regime und die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Revolution 1978/1979 und der heutigen Bewegung eingeordnet. Dafür haben wir auch mit Nasim gesprochen.

Momentan ist Nasim mit einem Studierendenvisum in Wien und denkt seit Wochen unaufhörlich an ihre Familie, Freunde und Freundinnen, Verwandte in Teheran. Kurz schien sich die Lage im Iran zu beruhigen, und der Kontakt zu ihnen war wieder möglich. Heute herrscht Krieg. Für Nasim bedeutet das: Aus Wien heraus hoffen, dass ihre Angehörigen noch leben. Seit Samstag, dem 28. Februar, ist der Kontakt zu ihnen abgebrochen. Am darauffolgenden Mittwochabend klingelt ihr Handy. Der Name eines Freundes ihres Bruders leuchtet am Bildschirm. Nasim atmet tief ein. „Ich dachte, es muss etwas mit meinem Bruder passiert sein. Warum sollte der Freund mich sonst anrufen?“, sagt sie. Nasim hebt ab, hört die Stimme ihres Bruders und atmet erleichtert aus. Für eine Minute bleibt die Leitung bestehen, dann bricht sie ab. Ihr Bruder verspricht, dass alles okay sei und sie sich keine Sorgen machen müsse. „Ich glaube, die Menschen innerhalb Irans machen sich weniger Sorgen als die Menschen außerhalb Irans“, sagt Nasim.

Für die Zivilbevölkerung im Iran gibt es zu wenige Bunker, keine Schutzräume, keine Sicherheitsmaßnahmen. Wer versucht, aus den größeren Städten in den Norden zu fliehen, steht stundenlang im Stau. Wer bleibt, ist den Luftschlägen ausgeliefert. Der Historiker Robert Stelle vom Iranistik-Institut in Wien sagt:

„Viele Menschen werden froh sein, dass dieses Regime vielleicht endlich ein Ende findet. Aber gleichzeitig sind diese Bomben extrem zerstörerisch, und die Menschen können derzeit, während dieser Krieg tobt, kein normales Leben führen.“

Einzelne Medienberichte aus dem Iran schaffen es über die Grenze: Eine Mädchenschule soll getroffen worden sein. Zwischen 100 und 170 Kinder im Volksschulalter sollen tot sein. Wie viele genau es sind, ist derzeit noch unklar. Die New York Times und andere Medien konnten durch Analyse der Videoaufnahmen diesen Angriff verifizieren. Etwa vier Kilometer weiter sollen Reihen von Gräbern ausgehoben worden sein. Die Weltgesundheitsorganisation spricht von mindestens 13 Krankenhäusern und anderen Gesundheitseinrichtungen, die durch US-/Israel-Attacken angegriffen worden sind.

Es gibt mehr als 1000 Tote seit dem Angriff der USA und Israels auf den Iran, darunter Personen aus dem Regime und der Zivilbevölkerung. Experten und Expertinnen schätzen die Zahl um einiges höher. Über diese Todeszahlen und Angriffe berichtet zwar die iranische News Agency IRNA, doch das Land liegt bei der Pressefreiheit auf Platz 178 von 180. Es gibt kaum unabhängige Journalisten und Journalistinnen vor Ort, viele sind politische Gefangene oder Verfolgte. Berichten zufolge hätte das iranische Regime laut der unabhängigen Journalistin Sarah Ramani militärisches Equipment vor und in Schulen stationiert. Die eigene Bevölkerung wird so als „human shields“, als menschliche Schutzschilde, benutzt. Auf ihrem Instagram postet Sarah Ramani täglich, was ihre Kontakte ihr im Iran über Starlink schicken. Hier ein Link zu dem Account und Fotos.

Iranerinnen und Iraner erlitten bereits im Jänner ein kollektives Trauma. Bei den Protesten von Ende Dezember bis Ende Jänner gegen das islamistische Regime wurden Tausende ermordet. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Activists News Agency in Iran (HRANA) hat mindestens 7000 Tote im Zusammenhang mit den Protesten identifiziert, weitere Tausende werden derzeit noch geprüft. 50.000 Menschen sind inhaftiert worden. Nasim ist niedergeschlagen und sagt:

„Ich bin müde von diesem Regime. Nicht einmal vor zwei Monaten haben sie Tausende getötet. Ich mache mir Sorgen um die Gefangenen, was mit ihnen im Krieg passieren wird.“

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International warnt vor der Gefahr von willkürlichen Hinrichtungen und Folter. Bereits während des 12-tägigen Krieges vergangenen Jahres ist das Evin-Gefängnis in Teheran, wo viele politische Gefangene inhaftiert sind, getroffen worden. Der Tagesspiegel hat eine Frau eines Häftlings für kurze zwei Minuten im März erreicht, die von prekären Zuständen berichtet. Es gebe kaum Essen, die Wärter seien geflohen, offenbar seien die Inhaftierten hinter verschlossenen Türen für sich allein gelassen worden. Im Gefängnis seien viele Häftlinge „verzweifelt“ und „sehr gestresst“.

Was im Inneren des Landes vorgeht, ist wieder nur schwer zu verifizieren: Denn das islamische Regime hat das Internet und das Mobilfunknetz blockiert. Seit Samstagmorgen haben zwischen vier und ein Prozent der Bevölkerung Internet oder Netz. Wir stehen wieder am selben Ausgangspunkt wie am 8. Jänner, als die erste Internetblockade des islamischen Regimes dieses Jahres gesetzt wurde: Augenzeuginnen und -zeugen können nicht erreicht werden. Iranerinnen und Iraner in der Diaspora können Angehörige und Freunde und Freundinnen nicht kontaktieren und sind im Ungewissen, ob sie noch leben. Die Zivilbevölkerung innerhalb des Landes wird somit wieder von der Außenwelt abgeschottet.

Das iranische Regime ist jedoch auch nach den Luftangriffen intakt. Es scheint vorgesorgt zu haben – allerdings nur für das eigene Überleben. Ein Übergangstrio steht schnell fest: Präsident Massud Peseschkian, Justizchef Gholam-Hussein Mohseni-Edschehi sowie Wächterratsmitglied Alireza Arafi. Laut iranischen Staatsmedien soll Mojtaba Chamenei, der Sohn von Ali Chamenei, der neue oberste Führer sein.

Drei mögliche Szenarien, wohin sich dieser Krieg entwickeln könnte

Wie es weitergehen könnte, sieht der Iran-Experte Robert Steele in drei möglichen Szenarien:

1. Szenario: Das Regime überlebt

Das bestehende Regime der Islamischen Republik Iran überlebt. In diesem Fall dürfte es jedoch zu erheblichen inneren Machtkämpfen kommen. Viele militärische und politische Eliten sind bereits ausgeschaltet, weitere könnten folgen. Entscheidend wäre, wer sich am Ende im inneren Machtgefüge durchsetzt: Denkbar wäre ein pragmatischer Führungswechsel, der eine Annäherung an die USA sucht und das Land wieder stärker in die internationale Gemeinschaft integrieren will. Ebenso möglich ist jedoch ein gegenteiliger Kurs: Eine noch stärkere Abschottung hätte die internationale Isolation und eine Verschärfung der innenpolitischen Repression zur Folge.

2. Szenario: Ein Regimewechsel von außen

Dabei könnte eine Exilfigur wie Reza Pahlavi eine Rolle spielen oder die USA einen politischen Übergang aktiv unterstützen. In einem solchen Fall wäre eine direkte oder indirekte Intervention der Vereinigten Staaten wahrscheinlicher. Ziel könnte es sein, eine neue politische Ordnung zu etablieren, die sich stärker am Westen orientiert und strategisch enger mit Washington kooperiert.

3. Szenario: Das System fällt - Gefahr eines Bürgerkriegs

Dieses Szenario zeichnet ein deutlich instabileres Bild ab: Der Krieg könnte zwar das bestehende System zu Fall bringen, doch ohne einen klaren Plan für die Zeit danach. Sollten sich die USA militärisch zurückziehen, während im Land weiterhin bewaffnete Strukturen bestehen, droht ein Machtvakuum. Separatistische Bewegungen in Regionen wie Kurdistan oder Belutschistan könnten erstarken. In diesem Fall bestünde die Gefahr, dass der Iran territorial zerfällt oder in einen Bürgerkrieg abrutscht – mit konkurrierenden Machtzentren, bewaffneten Gruppen und möglicherweise einem langfristigen Staatszerfall.

Unklar bleibt in allen Varianten, welche konkreten Ziele Washington und Israels Regierung tatsächlich verfolgen. Der Begriff „Bodentruppen“ ist bislang nicht klar definiert. Eine umfassende Invasion mit Hunderttausenden Soldaten gilt als unwahrscheinlich. Trump schließt das bis dato aus. Wahrscheinlicher erscheinen gezielte Einsätze – etwa zur Unterstützung regionaler Akteure oder zur Sicherung strategisch wichtiger Infrastruktur wie Ölanlagen. Laut einem Bericht des Senders CNN will der US-amerikanische Geheimdienst CIA kurdische Streitkräfte bewaffnen. Die Trump-Regierung führt Gespräche mit iranischen Oppositionsgruppen und kurdischen Führern im Iran über die Bereitstellung militärischer Unterstützung. Welche Strategie letztlich verfolgt wird, ist bislang offen.

Was möchte die iranische Zivilbevölkerung?

Die Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten. Nach einem möglichen Sturz der Islamischen Republik Iran wäre die Gesellschaft vermutlich politisch gespalten.

Grob lassen sich drei größere Lager unterscheiden. Ein Teil der Bevölkerung wünscht sich eine säkulare Demokratie nach westlichem Vorbild. Unter denen, die sich Reza Pahlavi, den Sohn des letzten Schahs, zurückwünschen, spalten sich die Meinungen: Einige wollen zurück zur Monarchie, andere Pahlavi als Übergangsfigur zur Demokratie. Und schließlich gibt es weiterhin Regimeanhängerinnen und -anhänger, die am bestehenden System festhalten möchten. Robert Steele erklärt:

„Immerhin hat man bei den Wahlen gesehen, wie Millionen von Menschen für konservative Kandidaten gewählt haben. Also gibt es noch Millionen von Menschen über das Land verteilt, die an das System glauben.“

Die Mehrheit strebe jedoch vor allem ein demokratisches System an – unabhängig von der konkreten institutionellen Ausgestaltung. Denkbar wäre auch eine reformierte Islamische Republik mit einer neuen Verfassung: Der oberste Führer hätte dann nur noch repräsentative Funktionen ohne politische Macht, Wahlen wären frei und fair, politische Teilhabe garantiert, Grundrechte geschützt.

Die Studentin aus Teheran, Nasim, klingt vor allem frustriert und erschöpft:

„Ich weiß nicht, was ich von diesem Krieg halten soll. Natürlich will ich dieses Regime nicht mehr, aber ich weiß, dass zugleich Kinder und Zivilisten durch den Krieg sterben werden.“

Im Kern geht es laut Steele den Menschen weniger um ideologische Fragen als um konkrete Lebensbedingungen. Viele wollen wirtschaftliche Perspektiven, soziale Sicherheit, gute Bildung, sichere Arbeitsplätze und ein Leben ohne Angst. „Im Grunde wollen die Menschen das Gleiche wie überall auf der Welt“, sagt Steele. Entscheidend sei daher, welches politische System diese Erwartungen am glaubwürdigsten erfüllen könne.

„Das Problem ist, dass die Islamische Republik die Opposition illegal gemacht hat. Das heißt, dass alle möglichen Führungsfiguren entweder inhaftiert, geflohen oder hingerichtet wurden“, sagt Steele. So könne gar keine echte Opposition entstehen oder eine Zusammenführung politischer Gruppen gegen die Revolutionsgarden, der Basidsch-Miliz und das Regime. Das erkennt man an den wiederkehrenden, aufflammenden Protesten, die dann brutal unterdrückt werden. Erst wenn zehntausende politische Gefangene freikommen, werde sichtbar, welche Führungsfiguren und auch politische Gruppen entstehen können.

Reza Pahlavi als möglicher Führer des Übergangs

Seit einigen Monaten präsentiert sich Reza Pahlavi, der Sohn des letzten Schahs von Iran, wiederholt als Oppositionsführer. Er lebt seit der Revolution im Exil in den USA und möchte an die Spitze einer Übergangsregierung im Iran treten. Durch Medienpräsenz und Reden bei Demonstrationen, etwa in München, spricht Pahlavi zum iranischen Volk voller Hoffnung und verspricht eine blühende Zukunft. Er hätte einen Fahrplan für die Zeit nach dem Regime, der die Wirtschaft wieder aufbauen und Iran erneut für westliche Investitionen öffnen soll.

Reza Pahlavi steht hinter einer Glaswand bei einer Demonstration in München und zeigt den Zuschauenden ein Peace-Zeichen. (Foto: Imago/Abacapress)

Die Schah-Dynastie wurde von der Mehrheit der Menschen im Iran aufgrund von Korruption, wirtschaftlicher Lage und der Verwestlichung gehasst. Daher kam es 1979 zur Revolution. Pahlavi selbst war damals noch sehr jung. Laut Robert Steele verstand er sich seit den 1980er Jahren als Demokrat. Doch politische Erfahrung hat er keine - er trägt vor allem den Nachnamen seines Vaters. „Er ist immer noch ein Neuling in der Politik und weiß wenig, was es bedeutet, eine Führungsposition zu sein. Ich denke aber, die Leute wären bereit, ihm eine Chance zu geben“, sagt Steele.

Wie viel Unterstützung Pahlavi tatsächlich innerhalb des Landes hat, ist unklar. „Ich kenne Menschen, die Pahlavi zurückwollen. Ich kenne Menschen, die ihn hassen“, sagt Nasim. Die Rufe sind nach dem Kronprinzen in den vergangenen Protesten immer lauter geworden. „Ich habe mit einem Freund gesprochen, der an den Protesten im Jänner beteiligt war, und er hat mir erzählt, dass über die ganze Hauptstadt hinweg Menschen nach Pahlavi gerufen haben“, sagt Steele. Auch in Städten im Norden und Süden Irans seien diese Parolen zu hören. So richtig einschätzen kann Steele derzeit nicht, ob es sich um eine kleine, laute Minderheit handelt oder um eine breite Unterstützung.

Die politische Zerspaltung der Diaspora

„Es gibt einen großen Unterschied, und zwar nicht nur zwischen Iranern außerhalb des Iran, sondern auch zwischen Iranern in verschiedenen Städten der Welt. Die Menschen in Los Angeles haben zum Beispiel eine ganz andere Perspektive als die Iraner, die in Frankfurt oder anderen großen europäischen Städten leben“, sagt Steele.

Laute Stimmen kommen momentan vor allem von Exil-Iraner und -Iranerinnen. Im Februar demonstrierten 250.000 Personen in München. Reza Pahlavi rief unter anderem zur Demo auf und hielt eine Rede. Viele Iraner und Iranerinnen folgten diesem Ruf und reisten teilweise extra aus anderen europäischen Städten an. Medienberichte und Videos zeigen Plakate, beschriftet mit Parolen wie „King Reza Pahlavi“ oder „Prinz Reza Pahlavi, Führer der Übergangsregierung“. Andere vertreten die „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung.

Am Heldenplatz versammeln sich am 1. März, einen Tag nach dem Tod Chameneis, über 2000 Menschen. (Foto: Imago/SEPA.Media)

Auch in Wien sieht man die Zerspaltung der Diaspora: Am Heldenplatz demonstrierten am 1. März, einen Tag nach dem Tod Chameneis, über 2000 Menschen. Unterschiedliche Flaggen wurden gehalten: Israel, USA, Österreich, die iranische Flagge mit Löwe und Sonne, das war jene vor der Revolution 1979, und auch die Flagge der „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung. Am 4. März kam es vor einem islamischen Zentrum in Wien-Floridsdorf zu einer Massenschlägerei. Rund 70 Personen gingen laut Polizei nach einer Gedenkfeier für Ali Chameini aufeinander los. Neun Personen wurden dabei verletzt, sieben Personen wurden ins Spital gebracht. „Ich fühle mich nicht mehr sicher in Wien“, sagt Nasim. Sie hat in den vergangenen Tagen realisiert, dass es hier mehr Regimeanhänger und -anhängerinnen gibt, als sie zuvor dachte.

Die Folgen des Krieges

Egal, welches Szenario eintritt, die Folgen für die Zivilbevölkerung im Iran sind drastisch. Der Krieg wird nicht nur durch Luftangriffe oder einen möglichen Bürgerkrieg viele Menschenleben kosten. Auch jahrzehntelang ungelöste Krisen des Regimes treffen die Menschen hart. Und diese könnten genauso Menschenleben kosten.

Die Wirtschaftskrise belastet vor allem die Bevölkerung: Die Menschen können sich durch die stark angestiegene Inflation keine Lebensmittel mehr leisten, was auch der Auslöser für die Proteste Ende Dezember war. Medizinische Versorgung ist eingeschränkt. Historiker Robert Steele erläutert:

„Die Sanktionen haben dazu geführt, dass Iraner keinen Zugang zu bestimmten Medikamenten haben, die sie benötigen, und diese auf dem Schwarzmarkt beschaffen müssen. Das wird sich noch verschlimmern, da es noch schwieriger werden wird, die Schwarzmarktwaren ins Land zu bringen.“

Hinzu kommen Folgen des menschengemachten Klimawandels. Seit Anfang der 2000er verschärft sich die Wasserkrise. Sie betrifft längst nicht mehr nur ländliche Regionen, sondern auch Metropolen wie Teheran. Laut einem Artikel der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erschweren sinkende Grundwasserspiegel, ausgetrocknete Quellen, regelmäßige Wasserabschaltungen und gefährliche Bodenabsenkungen den Alltag. „Im Krieg wird das noch schwieriger“, sagt Steele. Auch wichtige Kulturgüter leiden: Der Golestanpalast, einstiger Regierungspalast der Kadscharen und UNESCO-Weltkulturerbe, wurde bereits beschädigt. „Es wird so zerstörerisch sein und ich denke, wir wollen alle einfach nur, dass es so schnell wie möglich vorbei ist“, sagt Steele.

Nasim fühlt sich in Wien ohnmächtig. Schon im Jänner wollte sie zurück zur Familie und zu Freundinnen nach Teheran, Seite an Seite mit ihnen protestieren. Jetzt sitzt sie tausende Kilometer entfernt. Ihre Gedanken kreisen täglich um ihre Angehörigen. Sie sagt, sie hätte mittlerweile wegen der schlaflosen Nächte paranoide Zustände. „Ich kann von hier aus nichts tun, nichts bewirken. Ich kann nur hoffen.“

Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas
Sprecher und Sprecherinnen: Eva Plank, Ingo Hasewend