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9. Juni 2026

Wo du wohnst, könnte entscheiden, ob du einen Handyvertrag bekommst. Der Datenschutzverein Noyb klagt dagegen


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die Kreditauskunftei Crif bewertet die Bonität von Privatpersonen – aber in den meisten Fällen nicht auf Basis von Finanzdaten. Datenschützer sehen Rechtsverstöße und rufen zu einer Sammelklage auf.

Innsbruck aus der Vogelperspektive: Noyb hat getestet, wie sich verschiedene Adressangaben auf den Bonitätsscore derselben Person auswirken. (Foto: APA-Images / dpa Picture Alliance / manfredxy)

Ein Schattenmelderegister, in dem fast alle erwachsenen Menschen verzeichnet sind und auf dessen Basis eingeschätzt wird, wie sehr sie wirtschaftlich verlässlich sind. Das klingt unangenehm nach gläsernem Menschen. Genau das soll es bereits in Österreich geben. Das ist zumindest der Vorwurf der Datenschutzorganisation None of your Business (Noyb) gegen die Kreditauskunftei Crif GmbH. Sie ist eine der beiden großen Kreditauskunfteien für den privaten Bereich in Österreich – neben dem KSV1870.

Crif verwendet für die Bewertung, wie zahlungsfähig oder -willig jemand ist, in über 90 Prozent der Fälle nicht Daten, die zeigen, ob es schon irgendwelche Zahlungsschwierigkeiten gab. Die hat die Firma gar nicht, das schreibt sie selbst auf ihrer Website. Also bleiben noch Daten wie Name, Alter, Geschlecht und Anschrift. Die Datenschützer und -schützerinnen kritisieren, dass diese nicht wirklich darauf schließen lassen, wie wirtschaftlich verlässlich eine Person ist. Sie beschuldigen Crif außerdem, den Großteil der Daten illegalerweise für Bonitätsbewertungen zweckzuentfremden. Der Verein hat deshalb jetzt eine Unterlassungsklage eingereicht und noch dieses Jahr soll eine Schadenersatz-Sammelklage folgen. Noyb ruft aktuell Menschen dazu auf, sich anzuschließen.

Ich habe dazu mit dem Datenschutzjuristen und Noyb-Gründer Max Schrems gesprochen, der mit seinen Datenschutz-Klagen gegen große Unternehmen wie Facebook, Microsoft und Apple bekannt geworden ist.

„Wichtig ist, dass man versteht, dass Zahlungswahrscheinlichkeit oder -willigkeit nicht damit zu tun hat, ob man arm oder reich ist. Ganz vereinfacht gesagt: Benko hat seine Rechnungen am Ende nicht bezahlt“, sagt Datenschützer Max Schrems. (Foto: Georg Molterer)

Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Gespräch:

  • Unsere Bonität wird in diversen Lebenslagen bewertet – etwa bei Kommunikations- oder Stromanbietern, bei kleineren Online-Krediten oder bei Onlinekäufen auf Rechnung. Wie genau Bewertungen zustande kommen, ist nicht öffentlich. Die Kreditauskunfteien argumentieren, dass das Geschäftsgeheimnisse sind. Selbstversuche von Noyb legen nahe, dass die Wohnadresse einer Person eine wesentliche Rolle spielt. Der Datenschutzverein vermutet, dass dadurch ganze Personengruppen diskriminiert werden, weil sie etwa in Gegenden leben, in denen eher Menschen wohnen, die ein niedrigeres Einkommen haben. Das konnten die Datenschützer aber nicht nachweisen.
  • Crif verteilt einen Bonitätsscore zwischen 250 und 700 Punkten, wobei der Durchschnittsscore bei 550 liegt. Je nachdem, wo man auf der Skala liegt, wird man nach einem Ampelsystem als rot, gelb oder grün bewertet. Ein konkretes Ausfallrisiko wird nicht bewertet – anders als etwa durch die Schufa in Deutschland, die eine Ausfall-Wahrscheinlichkeit über die Spanne von einem Jahr bewertet. Schrems kritisiert, dass der Score sehr unterschiedlich interpretiert werden kann und nicht nachvollziehbar ist, aber so dargestellt wird, als stünde dahinter eine ausgeklügelte Rechnung.
  • Finanzdaten bekommt Crif über Inkassobüros oder das Insolvenzregister. Andere Daten kauft sie von Adresshändlern ein: AZ Direct, DPIT und Compass Verlag. Die haben recht weite Befugnisse, Daten zu sammeln, weil sie sie ursprünglich für Direktmarketing verwendet haben – die klassischen Postwurfsendungen. Die Daten sind also für Marketingzwecke gesammelt worden, werden aber von Crif für Bonitätsbewertungen verwendet.
  • Mit der Unterlassungsklage wird die Verjährungsfrist gestoppt und zusätzlich gefordert, dass die Daten derjenigen Menschen, zu denen es keinerlei Zahlungserfahrungen gibt, gelöscht werden. Die Abhilfeklage zielt darauf ab, Menschen den immateriellen Schaden zu ersetzen, den sie mutmaßlich durch die Praxis von Crif erfahren haben. Solche Verbandsklagen sind für Betroffene günstiger als Einzelklagen. Sie sollen die Praxis der betroffenen Firma abstellen, aber auch Abschreckwirkung für andere Unternehmen haben, die womöglich nicht datenschutzkonform handeln. Für den Verein Noyb ist die Klage in Österreich auch ein Testfall. Je nachdem, wie die läuft, möchte er damit bis auf EU-Ebene gehen. Der Verein lernt mit jeder Sammelklage dazu, wie Menschen auf Aufrufe reagieren, unter welchen Umständen sie sich anschließen und wie die Abläufe verbessert werden können.

Die Sammelklage von Noyb wird wahrscheinlich nach dem Sommer eingereicht werden – auch abhängig davon, was bei der Unterlassungsklage herrauskommt und wie viele Menschen sich beteiligen.

Übrigens gibt es ein Update zu einer früheren B-Seite. Wir haben vor Kurzem über sogenannte Vektoren gesprochen, also lebende Organismen, die Krankheiten übertragen. Die wichtigsten sind da blutsaugende Gliederfüßer wie Stechmücken oder Zecken. Die Herausforderung ist, dass neue Vektoren einwandern und potenziell neue Krankheiten mitbringen, mit denen wir bisher nichts zu tun hatten. Jetzt ist erstmals das Alongshan-Virus (ALSV) in Österreich nachgewiesen worden, das von Zecken übertragen wird. Das Zentrum für Virologie der MedUni Wien hat genetische Analysen durchgeführt und festgestellt, dass das Virus allerdings schon seit mindestens 20 Jahren in Mitteleuropa etabliert ist. Dabei ist es erst 2017 in China entdeckt worden. Dort hat es bei Menschen Fieber ausgelöst und Symptome, die mit Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) vergleichbar sind. Es muss jetzt erforscht werden, ob die Virusvariante, die in Europa zirkuliert, überhaupt krank macht. Ich habe zu dem Thema mit dem Biologen Georg Duscher von der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) gesprochen. Diese hat Projekte, die dazu dienen, zu beobachten, ob und wie sich neue Vektoren in Österreich ausbreiten und welche Erreger sie möglicherweise mitbringen. Und wenn es um Zecken geht, kannst du sogar mithelfen. Wie genau, das erfährst du im Beitrag.


Ich freue mich auf Erfahrungsberichte zum heutigen Thema!

Einen schönen Nachmittag wünscht dir

Pia Miller-Aichholz

B-Seite-Team