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Acht Minuten. So lange dauert die Fahrt von mir zu Hause zum Kühlungszentrum. Mein Sattel brennt. Der schwarze Asphalt katapultiert die Wärme vom Boden, von oben prallt die Sonne auf den Kopf und neben mir rasen Autos vorbei. Ich suche nach beschatteten Fahrradwegen, doch schon allein einen gesicherten Radweg zu finden, der einen nicht ins Nirvana führt, ist in Wien oft eine Mission. Ich biege um die Ecke - endlich Bäume, die Schatten werfen. Vom Hecheln zum Atmen. Am Hoferplatz 3 angekommen, bin ich komplett verschwitzt. Vor dem Gebäude steht eine hellblaue Fahne still. Auf ihr steht: „Coole Zone“.
Schon beim Eintreten ins Kühlungszentrum merkt man, dass es mindestens 15 Grad kühler ist als draußen. Durch den Schweiß wird mir sogar ein bisschen kalt. Ich bekomme Gänsehaut. Aber ich spüre eine direkte Erleichterung. Meine Gedanken werden etwas klarer. Ich höre Stimmen, Würfel, die am Tisch klackern. Draußen herrscht dagegen Todesstille. Als wäre Wien eine verlassene Auto-Geisterstadt. Heute hat es in Ottakring 37 Grad. Seit mehr als einer Woche herrscht eine brütende Hitzewelle. Das Wochenende wird mit 40 Grad einen neuen Hitzerekord in Wien aufstellen. Im Pensionistinnenclub All in spielen die Pensionistinnen Karten, Rummikub und essen Wassermelone. Es sind aber nicht nur ältere Personen hier. Auch eine Frau mit Kinderwagen sitzt am hinteren Tisch und spielt Guck-Guck mit ihrem Baby. Ein paar Studierende arbeiten am Laptop. Alle entfliehen hier der Hitze. Ich auch.

Ich setze mich zu einem der Tische und komme mit Linda ins Gespräch. Sie ist Pensionistin, lebt hier in Ottakring und macht kein Geheimnis aus ihrem Zustand: „Leidend“, antwortet sie auf die Frage, wie es ihr geht. „Ich bin froh, wenn es jetzt aus ist. Ich habe zwar einen Balkon, den ich total verdunkelt habe, aber trotzdem ist es extrem heiß.“ Vergangene Woche hatte sie 39 Grad in ihrer Wohnung gemessen, heute in der Früh waren es 30. „Ich bin herzkrank. Da merke ich die Hitze besonders. Der Blutdruck geht gleich in die Höhe und ich könnte eigentlich alle zehn Minuten einschlafen“, sagt Linda.
Fast täglich flüchtet sie deshalb hierher und ein bisschen Programm gibt es hier schließlich auch. Gerade wird Rummikub gespielt. „Wer gewinnt?“, frage ich. „Einmal der, einmal der.“ Sie zeigt auf den Mann, der neben ihr sitzt. „Er gewinnt aber sehr oft!“ Er grinst leicht. Hier kann jeder und jede mitspielen, erzählt Linda. Die Steine, die über den ganzen Tisch verteilt sind, werden von mehreren Händen wieder eingesammelt. „Hast du jetzt schon wieder gewonnen?“, fragt Linda den Mann. „Ich habe gewonnen!“, sagt die Frau, die gegenübersitzt, stolz.
Linda scheint die Zeit hier zu genießen. Doch der Weg zur „Coolen Zone“ erweist sich schwer. Langwierig sei er, und der Unterschied zwischen Bäumen, Schatten und Asphalt sei deutlich zu spüren. „Ich schaue immer, dass ich da gehe, wo der Schatten ist. Aber das geht nicht immer“, sagt sie.
Dem Schatten nachjagen. Das tun sie hier alle. In der prallen Sonne wird der Weg für sie unerträglich. In Wien gibt es mittlerweile 34 sogenannte „Coole Zonen” als Maßnahme gegen Hitze; vier davon sind an besonders heißen Wochenenden wie diesem geöffnet. Doch Klimaanlagen können nicht die Lösung sein. Es ist ein Pflaster, auf das derzeit viele angewiesen sind, aber es ist eben keine langfristig wirksame Maßnahme. Denn sie fressen Strom, sind umweltschädlich und pumpen heiße Luft dorthin, wo wir uns bewegen: in den öffentlichen Raum. Die Autorin und Comiczeichnerin Stefanie Sargnagel bringt es mit einer Zeichnung für den Falter auf den Punkt: “Stadt Wien präsentiert neue coole Zone für durch Extremhitze gefährdete Gruppen: Lobautunnel”.
Diese extremen, frühzeitigen und langanhaltenden Hitzewellen kommen nicht von irgendwo her. Sie sind Symptome der Klimakrise, in der wir uns gerade befinden. Seit Beginn der Aufzeichung erwärmt Österreich sich mit 3, 3 Grad Celisus doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Wir haben hier in den vergangenen Jahren dreimal so viele Hitzetage wie noch zwischen 1960 und 1990. Die Tropennächte mit mehr als 20 Grad Lufttemperatur haben sich vervierfacht. Aber das brauche ich dir wahrscheinlich gar nicht erzählen. Wir haben es alle gespürt. Körperlich und psychisch. Die Nächte kühlten teilweise nur auf 27 Grad herunter und das Schlafen wurde für viele von uns in unseren überhitzten Wohnungen praktisch unmöglich. Das erzählt mir auch Angelika im Kühlungszentrum. Sie sitzt mit Linda und mir gemeinsam am Tisch. „Also, letzte Nacht war wirklich schrecklich. Wir haben heute darüber gesprochen, alle haben gelitten. Das muss extrem gewesen sein”, sagt sie. Ihr Ehemann, der neben ihr sitzt, hat auch Herzprobleme wie Linda. Bei dieser Hitze wird er „schlapp, müde und gehandicapt“, sagt Angelika.
Warum wir ein Recht auf Heizung haben, aber keines auf Kühlung, habe ich bereits in der ersten Hitzewelle dieses Jahres in einem Beitrag aufgegriffen. Hier geht es zur Geschichte:
Zwar ist es der viertwärmste Juni seit Beginn der Aufzeichnung in Österreich, doch liegt das nur daran, dass der Anfang Juni durchschnittlich kälter war. Das ist nicht gerade eine positive Nachricht. Wir müssen uns also an die neuen Extremwetterlagen anpassen. So auch im öffentlichen Raum. Angelika sieht jedenfalls einige Bemühungen in der Bezirkspolitik. Besonders gefällt ihr ein Projekt. Vor fünf Jahren ist Angelika gemeinsam mit ihrem Ehemann nach Ottakring auf die Thaliastraße gezogen. Zu dem Zeitpunkt war ein Klimaboulevard mit Beeten, Bäumen, Nebelduschen im Bau. „Die Bäume sind richtig schön gewachsen und werfen Schatten. Die Leute nutzen diese Bänke, Tische, Stühle und sitzen im Schatten und können sich unterhalten. Das finde ich ganz toll”, sagt sie. Doch reicht das aus?

Wie gut ist die Stadt Wien gegen Hitze gewappnet?
Um das herauszufinden, fahre ich weiter in den 7. Bezirk. Dort hat das Unternehmen Weatherpark seinen Sitz. Es berät Städte und Gemeinden dabei, sich an die Folgen des Klimawandels anzupassen. Auf dem Fahrrad bin ich inzwischen für jeden Fahrtwind dankbar. Bei fast 40 Grad fühlt sich jede Bewegung doppelt so anstrengend an. Endlich angekommen. Der Meteorologe und Geschäftsführer Matthias Ratheiser öffnet mir die Tür.
„Es gibt sehr gute Leuchtturmprojekte”, sagt er. Als Beispiele nennt er die umgestaltete Praterstraße und zahlreiche kleinere Straßen, in denen Autos weniger Platz eingeräumt wurde und stattdessen Bäume, Grünflächen oder Sitzgelegenheiten entstanden sind. Das Problem sei allerdings, dass diese Projekte nebeneinander existierten, ohne Teil einer übergeordneten Strategie zu sein.
„Das gibt es wie ein Fleckerlteppich über ganz Wien verstreut”, sagt Ratheiser. „Aber es passiert nicht systematisch.” Seiner Ansicht nach müsste Klimaanpassung längst fixer Bestandteil jeder Baustelle sein. Wasserleitungen werden erneuert, Gasrohre ausgetauscht, Straßenbahngleise saniert – überall wird der Boden ohnehin geöffnet. Genau dann müsse die Stadt die Gelegenheit nutzen, um Bäume zu pflanzen, Flächen zu entsiegeln oder Aufenthaltsräume zu schaffen. „Wenn schon aufgerissen wird, sollte man sofort eine Anpassungsmaßnahme mitbauen.“

Während Ratheiser spricht, muss ich an die zahlreichen Baustellen denken, an denen ich täglich vorbeikomme. Besonders an den Bau der U5. Immer wieder werden riesige Flächen geöffnet und anschließend wieder versiegelt. Dabei gäbe es genau dort die Chance, Straßen nachhaltiger zu gestalten. In meinem Grätzel lässt sich beobachten, wie manche Straßen neue Bäume, Sitzgelegenheiten oder breitere Gehwege erhalten. Andere Projekte verschwinden wieder in den Schubladen. Ein Beispiel ist die geplante Umgestaltung der Lerchenfelder Straße zwischen dem 7. und 8. Bezirk. Im Zuge der Gleiserneuerung hätte die Straße klimafit umgebaut werden sollen. Weil die Fahrbahn ohnehin geöffnet worden wäre, hätten zusätzliche Bäume und entsiegelte Flächen vergleichsweise einfach umgesetzt werden können. Doch das Projekt wurde aufgrund von Budgetkürzungen auf „unbestimmte Zeit verschoben“. Ratheiser meint, dass man sich bei der Budgetierung von anderen Städten etwas abschauen könnte: „In New York oder Paris ist es durchaus üblich, für Klimaanpassung ein eigenes Budget bereitzustellen“, erklärt er. „Dann kommt zur normalen Umbaumaßnahme noch Geld für Begrünung oder andere Anpassungen dazu. So kann man mehr machen, als einfach nur den ursprünglichen Zustand wiederherzustellen.“

Besonders in Paris könne man beobachten, wie schnell Klimawandelanpassungen umgesetzt werden können, wenn die Politik es ernst meint. Dort wurden mehrspurige Straßen zurückgebaut und in sogenannte Klimaboulevards umgewandelt. Auch Kopenhagen zeigt, wie konsequent Städte öffentlichen Raum neu verteilen können. Weniger Platz für Autos, mehr Platz für Fahrräder, Bäume und Menschen. „Dadurch habe ich als Mensch, der zu Fuß unterwegs ist, viel stärker das Gefühl, willkommen zu sein“, sagt Ratheiser.
Ich frage ihn schließlich, welche Schulnote er Wien für seine Klimaanpassungsmaßnahmen geben würde. Oder anders formuliert: Wie viele Punkte auf einer Skala von eins bis zehn?
Er überlegt kurz.
„Vier”, sagt Ratheiser. Nicht, weil nichts geschehe. Sondern: „Die Maßnahmen entsprechen einfach nicht der Dringlichkeit des Problems.“
Werden die ausgehenden Gefahren von Hitze in Österreich einfach nicht ernst genug genommen?
Die gesundheitlichen Folgen von Hitze liegen schon längst auf dem Tisch. Das Sozialministerium (BMASGPK) veröffentlichte 2025 einen nationalen Hitzeschutzplan. Er soll die Bevölkerung besser vor den Folgen extremer Temperaturen schützen. Doch die jüngste Hitzewelle zeigte, wie schlecht viele Einrichtungen vorbereitet sind. Krankenhäuser, Schulen und Kindergärten stießen vielerorts an ihre Grenzen. Gleichzeitig fehlen im öffentlichen Raum noch immer ausreichend Orte, an denen Menschen Abkühlung finden können. Und das ist ein riesiges Problem für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Dabei betrifft Hitze nicht alle Menschen gleichermaßen. „Alles was mit dem Klimawandel zu tun hat, ist natürlich ein ökologisches Problem, definitiv ein gesundheitliches und nicht zuletzt ein stark soziales Problem”, sagt Umweltmediziner Hans-Peter Hutter. Er leitet an der Medizinischen Universität Wien die Abteilung für Umwelthygiene und Umweltmedizin.
Wer körperlich arbeitet, obdachlos ist oder in einer schlecht isolierten Wohnung lebt, ist der Hitze deutlich stärker ausgesetzt als Menschen mit klimatisierten Büros oder gut gedämmten Wohnungen. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, Säuglinge, chronisch und/oder psychisch Kranke oder Personen mit geringem Einkommen.
Hans-Peter Hutter erklärt, was Hitze mit unserem Körper macht: „Es kommt zu einer thermischen Unbehaglichkeit. Wir werden in einen Hitzestress versetzt, wo die Körpertemperatur, die üblicherweise 37 Grad beträgt, ansteigt.” Unser Organismus ergreife daraufhin Gegenmaßnahmen, damit diese 37 Grad eingehalten werden. Das Herz-Kreislauf-System ist sehr gefragt, damit es zu einer Abkühlung kommt.
Warum Hitze für viele gefährlich ist, habe ich bereits ausführlich in einer B-Seite mit Hans-Peter Hutter besprochen. Hier der Link zum Beitrag:
Krankenhausaufhalte steigen aufgrund von Hitzeschlag oder Sonnenstich in überdurchschnittlichen warmen Sommern um rund 27 Prozent an. Während im Hitzeschutzplan der Regierung Expertinnen und Experten mit rund 400 hitzebedingten Todesfällen in Österreich jährlich rechnen, zeigen neue Zahlen von der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES), dass es mehr sind als bisher gedacht. Im Jahr 2024, dem bisher heißesten Jahr, waren es fast 1000 Menschen, die an Folgen von Hitze gestorben sind. Angesichts dieser Zahlen drängt sich eine Frage auf: Warum wird über Hitze oft noch immer diskutiert, als wäre sie lediglich eine Frage des persönlichen Wohlbefindens?
Ob von Politikern und Politikerinnen, die bei Hochwasser selbst mit Kübeln in den Händen stehen und Wasser schöpfen, bei Hitze aber nichts zu sagen haben, oder der Bevölkerung selbst. Hitze scheint als Randphänomen betrachtet zu werden.
Allein in meinem Grätzel kann ich diese Alltags-Debatten beobachten: Während sich viele Menschen über Klimaboulevards freuen, sorgen dieselben Projekte regelmäßig für Widerstand. Oft entzünden sich Debatten an wenigen wegfallenden Stellplätzen. Ich erzähle Ratheiser von diesen Diskussionen. „Wenn ich anfange, über drei Parkplätze zu diskutieren, habe ich nicht verstanden, worum es geht“, sagt er. „Wir brauchen eine Transformation. Der Klimawandel ist radikal, er ist schneller, als wir gedacht haben. Da dürfen wir uns nicht mit solchen Kleinigkeiten aufhalten. Aber das haben viele noch nicht verstanden.“
Tatsächlich nimmt der Verkehr - also Fahrbahn- und Parkplatzflächen - rund zwei Drittel des öffentlichen Straßenraums in Wien ein. 31 Prozent entfallen auf Gehsteige, jeweils rund ein Prozent auf Radwege und Fußgängerzonen. Betrachtet man hingegen die Gesamtfläche Wiens, zeigt sich ein anderes Bild: Die Stadt ist sehr grün. Rund die Hälfte der Fläche besteht aus Grünraum. Wenn wir uns aber im Alltag durch die Stadt bewegen, dann eher weniger über den Schafberg. Sondern die Menschen verbringen ihre Zeit auf versiegelten Straßen, an Haltestellen oder zwischen Häuserfassaden. Genau deshalb müsse sich der öffentliche Raum verändern, sagt Ratheiser. „Wir haben in der Stadt wenig Platz. Deshalb müssen wir Flächen neu verteilen. Wir brauchen mehr Raum für Begrünung, für Menschen, für Radfahrende und Fußgänger.“ Dabei gehe es nicht darum, Autos vollständig aus der Stadt zu verbannen. Vielmehr müsse ihr Flächenverbrauch auf ein verträgliches Maß reduziert werden.
„Vor allem parkende Autos stehen die meiste Zeit einfach herum und verbrauchen Platz“, sagt Ratheiser. „Über Jahrzehnte wurde der öffentliche Raum auf das Auto optimiert. Jetzt ist es Zeit, diesen Raum den Menschen zurückzugeben.“
Doch neue Bäume allein reichen nicht. Entscheidend sei, dass sie auch langfristig überleben. Dafür brauche es ausreichend große Baumscheiben, gute Bewässerung und eine Planung, die nicht nur bis zur Eröffnung eines Projekts reicht. „Ein Baum im Drei-mal-drei-Meter-Blumentopf wird über sein ganzes Leben kaum einen spürbaren Kühleffekt erzielen“, sagt Ratheiser. „Wenn wir investieren, dann sollten wir so investieren, dass die Maßnahmen auch in dreißig oder vierzig Jahren noch wirken.“
Nicht nur untertags müssen wir vor Hitze gewappnet sein, sondern auch nachts. Denn die Tropennächte rauben uns den Schlaf und unser Körper kann sich zu keinem Zeitpunkt abkühlen. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die sogenannte Kaltluft. „Kaltluftsysteme sind grundsätzlich ein Phänomen der Nacht“, erklärt Matthias Ratheiser. Sobald die Sonne untergeht, kühlen unversiegelte Flächen wie Wiesen, Wälder oder Parks deutlich schneller aus als dicht verbaute Stadtgebiete. Die kalte Luft fließt anschließend talwärts – ähnlich wie Wasser – und gelangt über natürliche Korridore aus den Wiener Randgebieten bis in die Stadt. Von Hütteldorf, Neuwaldegg oder Grinzing könne diese kühlere Luft entlang der Täler bis zum Gürtel strömen, sagt Ratheiser. Das sorge für kühlere Nächte, weniger Tropennächte und bessere Möglichkeiten, Wohnungen durch nächtliches Lüften abzukühlen. Doch dieses natürliche Kühlsystem ist empfindlich. Hohe und dichte Bebauung kann die Luftströme bremsen oder sogar blockieren. Deshalb müsse Stadtplanung immer auch mitdenken, wie diese Kaltluftschneisen erhalten werden können.
Dass Städte unterschiedlich mit Hitze umgehen müssen, zeigt ein Blick nach Graz oder Klagenfurt. Tagsüber heizen sich beide Städte aufgrund ihrer Beckenlage sogar stärker auf als Wien. Gleichzeitig profitieren sie nachts von gut funktionierenden Kaltluftsystemen, die für spürbare Abkühlung sorgen. Wenn der öffentliche Raum - etwa durch Kaltluft, Begrünung oder Entsiegelung, abgekühlt wird, dann hat das automatisch auch einen Effekt auf unsere Innenräume. Natürlich müssen Häuser auch gut isoliert werden. Ob durch außenliegende Jalousien oder andere Maßnahmen. Doch diese Maßnahmen für die eigenen vier Wände kosten Geld. Geld, das viele nicht haben. Teure Umbaumaßnahmen für ihre eigenen vier Wände sind für Linda im Pensionistinnenklub keine Option. „Als Pensionistin musst du wirklich immer mit mehr rechnen, was du im Monat ausgibst. Weil die Kosten derartig gestiegen sind, ob Fernheizung oder Strom”, sagt sie.

Im Kühlungszentrum ist jetzt Linda an der Reihe, Rummikub zu spielen. Angelika isst eine Wassermelone und bietet mir ein Stück an. Die „Coole Zone“ hat einen schönen Nebeneffekt: Hier kommen Generationen zusammen, die sich auf der Straße wohl nie getroffen hätten. „Am Montag hatten wir einen Studenten, der an seiner Masterarbeit arbeiten wollte. Dann ist er mit einer alten Dame ins Gespräch gekommen und sie haben sich den ganzen Nachmittag unterhalten”, sagt Lina. Sie ist Mitarbeiterin im Pensionistinnenclub. Sonderlich produktiv sei der Nachmittag für den Studierenden vermutlich nicht gewesen. „Es ist doch sehr schön, wenn verschiedene Generationen zusammenkommen und sich austauschen können“, sagt sie.
Der Pensionistinnenclub ist in der Hitzewelle zum Rettungsanker für das ganze Grätzel geworden. Ein Ort, der zeigt: Wir brauchen in Zukunft viel mehr solche Begegnungszonen. Und das auch im öffentlichen Raum.
Ich muss weiter, zurück in die Hitze, zum nächsten Termin. Eigentlich wäre ich gerne noch geblieben, um mit Linda und Angelika Wassermelone zu essen und den Hitzerekord einfach wegzuspielen. Als ich rausgehe, weht mir ein heißer Föhn entgegen. Zurück in die Realität, in der die „coole Zone“ nur ein Pflaster ist, das das Fehlen von Klimagesetzen und echter Klimamaßnahmen im öffentlichen Raum kaschiert. Während mir die Sonne auf den Kopf prallt und ich mit dem Rad wieder dem Schatten nachjage, rollen auf der anderen Seite der Stadt bereits die Bagger für den Lobautunnel an.
