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Es gibt eine Sphäre, in der sich Frauenhasser die Hand reichen. Eine Sphäre, die sich in den vergangenen Jahren zu einer Bewegung entwickelt hat: die Manosphäre. Anfangs tummelten sich hier Freaks auf Social Media und in digitalen Räumen. Aber inzwischen sind diese Freaks Teil der Jugendkultur geworden. Frauenhass ist längst kein Randphänomen des Internets mehr. In der Manosphäre verbreiten frustrierte Männer ein Weltbild, das über Social-Media-Algorithmen Millionen junge Männer erreicht. Was mit vermeintlich harmlosen Memes anfängt, führt bis zum Aufruf, Frauen zu ermorden.
Wie sind wir hierhergekommen? Ein fiktives Beispiel: Es ist Dienstagnachmittag. Max liegt auf seinem Bett. Er ist 16 Jahre alt. Eigentlich sollte er Hausaufgaben machen, aber darauf hat er gerade keinen Bock. Stattdessen scrollt er auf TikTok. Vieles von dem, was Max auf Social Media an Content eingespielt wird, ist erst einmal gar nicht als das erkennbar, was es eigentlich ist: frauenfeindlich. Solche Beiträge holen Max genau da ab, wo er ist. Sein erster Crush, ein Mädchen aus seiner Klasse, hat ihn gestern zurückgewiesen. Das ist ihm voll peinlich. Und seine Bros, die haben sogar alle schon Mädels geküsst. Er soll halt einfach ein Mann sein und nicht so verweichlicht. Irgendwie fühlt sich Max unsicher und alleine gelassen. Er weiß gar nicht so recht, wie er sich verhalten soll. Einfach ein Mann sein, was heißt das überhaupt?
Mit diesen Gedanken ist Max nicht alleine. Viele junge Männer suchen nach Orientierung und nach Rollenvorbildern, an denen sie sich festhalten können. In Wahrheit könnte Max genauso gut Peter heißen, oder Ahmed oder Paul. Max könnte im Grunde jeder sein. Der Sohn der Nachbarin, der dir deine Pakete mitnimmt, der Junge in der U-Bahn oder dein kleiner Cousin.
Der Jugendsozialarbeiter Fabian Reicher, der bei der Beratungsstelle Extremismus arbeitet, nutzt in seiner Arbeit mit Jugendlichen das sogenannte Identitätsmodell, das davon ausgeht, dass die Jugendphase mit fünf Säulen aufgebaut wird. Wenn diese Säulen gefüllt sind, steht die Identität stabil. Ist eine oder sind mehrere davon leer, könne es für Jugendliche Sinn ergeben, die Säulen mit reaktionären bis hin zu extremistischen Erzählungen zu befüllen, damit die Identität nicht zusammenbricht. Die Ideologie ist in dem Fall eine Ressource. Würde man sie einfach wegnehmen, würde die Identität zusammenbrechen, und darum bleiben die Leute auch dabei. Der Job der Sozialarbeit sei es dann, herauszufinden, womit man die Säulen alternativ befriedigen könnte, um an der Ideologie zu arbeiten.
Gerade in einer Zeit voller Krisen, gesellschaftlicher Umbrüche und Krieg sind Unsicherheiten und Zukunftsängste allgegenwärtig. Und ganz ehrlich, selbst wenn das alles nicht wäre: Teenager zu sein ist schon schlimm genug. Man ist unsicher, weiß nicht, was man eigentlich will, Hauptsache die Eltern wollen es nicht. Das vergeht, aber es fühlt sich nicht schön an. Wer das Gefühl hat, keinen Platz in der Welt zu finden, ist empfänglich für einfache Antworten. Die Soziologin und Expertin zu Hasskriminalität im Netz, Corinna Dolezalek, beobachtet, dass Menschen in Zeiten von wachsender Unsicherheit und Krisenverhältnissen nach bestimmten Ankern suchen, die Vergewisserungen für das eigene Leben bieten. Sie würden nach einfachen Lösungsansätzen suchen. Diese bekämen sie auch in der Manosphäre.
Die Manosphäre zeigt Männern, warum sie unglücklich sind, wer daran schuld ist und wie sie wieder Kontrolle über ihr Leben gewinnen können. Hier fühlt sich Max verstanden. Er fühlt sich gesehen.
Aber was genau ist diese Manosphäre eigentlich?
Die Manosphäre besteht eigentlich aus unterschiedlichen Online-Gruppierungen: Dating-Coaches, Fitness-Influencer, Männerrechtler, „Alpha-Männer“ oder sogenannte Incels. Von denen hört man medial zumindest am meisten.
Manche Gruppierungen überschneiden sich, andere grenzen sich ganz aktiv voneinander ab. Es entstehen auch laufend neue Subgruppen. Was sie alle verbindet, sind nicht etwa gemeinsame Strukturen, wie bei Vereinen, sondern vielmehr ähnliche Narrative von Männlichkeit und Weiblichkeit. Und eine Erzählung von Männern, die von emanzipierten Frauen unterdrückt werden, die Stück für Stück „verweichlichen“ und dabei zugrunde gehen.
Betritt man die Manosphäre, kommt man um einen Begriff nicht herum: Red Pill. Die rote Pille, auf der die Ideologie vieler Manosphere-Gruppen aufbaut, ist ein entscheidender Pfeiler, der eigentlich einen sehr harmlosen Ursprung hat. Im Film Matrix wird der Hauptcharakter Neo vor zwei Möglichkeiten gestellt: Nimmt er die blaue Pille, kehrt er in sein altes Leben zurück. Nimmt er allerdings die rote Pille, erfährt er die Wahrheit über die Welt, so schmerzhaft und verstörend sie auch sein mag. Neo entscheidet sich für die rote Pille.
Einer ähnlichen Logik folgt auch die Red Pill in der Manosphäre, nur geht es hier um das Verständnis über die vermeintlich „wahre Natur“ von Mann und Frau. Die Anhänger behaupten, gesellschaftliche Vorstellungen von Gleichberechtigung seien irreführend, weshalb Männer lernen müssten, wie Beziehungen „wirklich“ funktionieren. Sie gehen davon aus, dass Frauen grundsätzlich Partner mit höherem Status, mehr Macht und mehr Geld bevorzugen, weshalb sich Männer diesen Erwartungen anpassen müssten, um erfolgreich zu sein.
Wie bekomme ich eine Frau?
Eine Antwort auf die Frage versprechen sogenannte Pick-up-Artists. Diese Untergruppe behauptet, wer die richtigen Techniken lernt, habe Erfolg bei Frauen, da diese kein gleichwertiges Gegenüber seien, sondern ein Spiel, dessen Regeln man beherrschen müsse. Aus Flirten wird so eine Strategie und längst auch ein Geschäft: Dating-Coaches verkaufen Kurse, filmen Frauen heimlich auf der Straße und machen daraus Content – meist ohne deren Einverständnis.
Die begleitende Botschaft lautet oft, man müsse sich erst selbst optimieren, dann würden sich Frauen für einen interessieren. Deshalb landen Jugendliche auf TikTok oft gar nicht direkt bei Dating-Coaches, sondern zunächst bei Influencern, die über Fitness, Motivation und schnelles Geldverdienen sprechen. Und dabei auch noch ordentlich verdienen. Etwa so: „Keine Frau interessiert sich für dich? Du fühlst dich unsicher und unwohl? Ich verstehe das. Mir ging es früher genau so. Aber wenn du auf diesen Link klickst, dir dieses Nahrungsergänzungsmittel bestellst und in jene Krypto-Währung investierst, dann wirst du Erfolg haben. Dann werden die Frauen bei dir Schlange stehen.“
Was also anfangs wie Selbstoptimierung aussieht, ist oft der Anfang einer Ideologie, bei der der Wert eines Mannes an seiner Macht und Kontrolle über Frauen gemessen wird.
Wer ist schuld? Feminismus!
Eine weitere Strömung innerhalb der Manosphäre sind Männerrechtler, auch Men’s Rights Aktivisten genannt. Anders als Pick-up-Artists setzen sie sich für etwas ein, das im ersten Moment positiv klingt: die psychische Gesundheit von Männern, steigende Einsamkeit oder gesellschaftliche Erwartungen und Männlichkeitsbilder.
Doch hinter der Forderung nach mehr Aufmerksamkeit für spezifische Probleme von Männern versteckt sich häufig massiver Frauenhass und antifeministische Einstellungen. In vielen Männerrechtler-Communities wird Feminismus für nahezu jedes Problem von Männern verantwortlich gemacht. Gleichberechtigung wird nicht als Fortschritt, sondern als Angriff auf Männer gesehen.
Dann verzichte ich eben ganz auf Frauen.
Eine andere Gruppe, zusammengefasst unter „Men Going Their Own Way“, geht noch einen Schritt weiter und vertritt die Auffassung, Männer sollten von Frauen vollständig die Finger lassen, da diese grundsätzlich manipulativ und ausbeuterisch seien. Ehe, Familie oder Partnerschaft seien Risiken. Sich von Frauen abzuwenden, wird dabei nicht als persönliche Entscheidung gesehen, sondern als ideologisches Programm.
Es gibt keinen Ausweg. Dann hasse ich jetzt halt Frauen.
Am äußersten Rand der Manosphäre befinden sich die sogenannten Incels („involuntary celibates“, also unfreiwillig Enthaltsame). Diese Männer sind davon überzeugt, niemals eine sexuelle Beziehung führen zu können. Aus Enttäuschung wird oft Resignation und schließlich Frauenhass und Gewalt. Während viele Gruppen an die Red Pill glauben, orientieren sich Incels an der Black Pill: Sie gehen davon aus, dass Erfolg bei Frauen biologisch vorbestimmt ist. Wer dem stereotypischen Bild eines attraktiven, finanziell erfolgreichen Mannes nicht entspricht, habe ohnehin keine Chance. Diese fatalistische Weltsicht führt dazu, dass sich Frust und Wut immer stärker gegen Frauen richten, da diese an der eigenen Misere schuld seien. Wer glaubt, ohnehin keine Chance zu haben, muss sich auch nicht mehr verändern.
In Teilen der Incel-Szene bleibt es nicht bei Hassfantasien, sondern es werden Attentäter glorifiziert und zu Märtyrern stilisiert. Ein Name taucht dabei immer wieder auf: Elliot Rodger, dessen Attentat 2014 den Frauenhass der Incel-Szene weltweit sichtbar machte. Corinna Dolezalek erklärt, dass seine Tat durch Youtube-Videos und ein hundert Seiten langes Manifest so gut belegt war, dass sie dem Ganzen eine nie dagewesene Präsenz gab. In der Wissenschaft habe man sich zwar schon vor dem Attentat mit Incels und der Manosphäre beschäftigt, doch es gab keinen Grund dafür, gezielt dagegen vorzugehen. Gesellschaftlich hatte man das Problem als solches noch gar nicht erkannt.
Was die Manosphäre zusammenhält
In der Realität verschwimmen die Gruppen oft miteinander. Ein Influencer verkauft morgens Fitnessprogramme, nachmittags Dating-Tipps und erklärt am Abend, warum Feministinnen an allem schuld sind. Nutzer wechseln zwischen den Communities und stoßen durch Algorithmen ständig auf neue Inhalte. Gleichzeitig widersprechen sich die Subgruppen oft: Incels hassen die Pick-Up-Artists, bewundern sie aber insgeheim für ihren Erfolg bei Frauen. Man verachtet und beneidet sich gegenseitig, ist sich in den Grundwerten aber einig: im Hass auf Frauen.

Fabian Reicher, der täglich mit Burschen arbeitet, erklärt, dass die genannten Gruppierungen und Codes im Alltag von jungen Männern dabei oft gar keine so große Rolle spielen. Wie die Wissenschaft und Hollywood-Filme dieses Thema bearbeiten, sei oft sehr weit weg von der Lebensrealität von Jugendlichen. Die besagten Begriffe seien außerdem oft Fremdzuschreibungen.
Trotzdem gilt: Der grundsätzliche Antifeminismus sei das problematischste Narrativ der vergangenen Jahre und werde es vermutlich auch noch eine Zeit lang bleiben. Es funktioniert auf Social Media hervorragend. Einige Influencer haben große Reichweiten aufgebaut. Gleichzeitig können extremistische Akteure unterschiedlicher Bereiche bei diesem Narrativ anknüpfen, von Rechtsextremisten über islamistische Extremisten.
Das betrifft auch Verschwörungsmythen wie die „Great Replacement Theory“, den Mythos vom „Großen Austausch“: Eine liberale Elite, bestehend vor allem aus Jüdinnen und Juden, würde versuchen, das Weiße Amerika auszulöschen, indem sie die Länder mit Migrantinnen und Migranten fluten. Laut einer Umfrage des Associated Press-NORC Center for Public Affairs Research in den USA glaubt 2022 bereits jeder dritte Erwachsene an eine Version dieses Verschwörungsmythos. Und auch österreichische Politikerinnen und Politiker sowie Vertreterinnen und Vertreter der Identitären befeuern dieses Narrativ, wie der Standard schon 2019 berichtet hat.
Für Dolezalek ist es logisch, dass solche Mythen in der Manosphäre verfangen: Deprivationsängste vor dem sozialen Abstieg werden durch die einfache Antwort gelöst, dass Frauen und Feministinnen an allem schuld seien. Dementsprechend finden sich auch viele fundamentalistische Elemente wieder, etwa wenn Incels von einem „Sexual Market Value“ sprechen und den Wert einer Frau an ihrer Keuschheit bemessen. „Diese Keuschheitslogik kennen wir auch ganz klar aus christlichem und islamischem Fundamentalismus“, sagt Dolezalek.
Wie die Manosphäre und religiös-fundamentalistische Gruppen zusammenhängen, erfährst du in einem Beitrag von Kathi und Mitja.
Die einzelnen Akteure der Szene vernetzen sich vor allem online, indem sie auf Kanäle anderer Manosphäre-Influencer verlinken und gemeinsame Podcasts und Videos aufnehmen. Will man in der Szene „jemand sein“, schafft man dies nur durch Verbindungen, sagt Dolezalek. Diese Verbindungen reichen teils weit über den digitalen Raum hinaus bis in die Politik, wie das prominente Beispiel Andrew Tate zeigt. Er erreichte seit 2012 ein Milliardenpublikum, zeigte sich mit Luxusautos, Zigarren und Waffen. Tate bläute seinen Followern ein, dass Dominanz das wahre Mannsein bedeutet. Um das zu lernen, verkaufte er ihnen teure Online-Kurse. Dolezalek betont, dass es solchen Größen oft gar nicht um ideologische Überzeugung geht, sondern um Klicks und riesigen finanziellen Mehrwert.
Doch der vermeintlich glamouröse Lebensstil basiert laut Recherchen des New Yorkers in Wahrheit auf einem mutmaßlichen Zuhältersystem. Tate und sein Bruder sind in Rumänien wegen Menschenhandels, Vergewaltigung und der Bildung einer kriminellen Vereinigung angeklagt. Auch in Großbritannien liegt ein internationaler Haftbefehl gegen sie vor, unter anderem wegen Vergewaltigung, Körperverletzung, Menschenhandel und Kontrolle der Prostitution gegen Entgelt im Zusammenhang mit drei mutmaßlichen Opfern.
Dennoch erhielt er auch nach seiner Festnahme Ende Dezember 2022 politische Rückendeckung von rechtskonservativen Stimmen. Darunter waren der Ex-Fox-News-Moderator Tucker Carlson, Elon Musk und der christlich-fundamentalistische Aktivist Charlie Kirk. Sogar die Taliban forderten Tates Freilassung, nachdem dieser ihnen zuvor online seinen Zuspruch zur Übernahme Kabuls ausgesprochen hatte.
Unterstützung kam aber auch aus der Trump-Familie höchstpersönlich. Grund dafür dürfte wohl auch seine laute Werbung der MAGA-Bewegung bei der US-Wahl 2024 gewesen sein. Tate unterstützte Trumps Sohn Barron dabei, junge Wähler und Wählerinnen zu erreichen. Er produzierte Social-Media-Content für die MAGA-Bewegung und forderte seine Follower und Followerinnen auf, Trump zu wählen. Mit dessen Wahlsieg sieht sich Tate dann im Grunde als unantastbar.
Das Beispiel Tate zeige eindrücklich, wie sehr Akteure aus dieser Riege Einfluss auf das politische Geschehen nehmen können, sagt Dolezalek.
Vernetzung im deutschsprachigen Raum ist schon hoch
Im deutschsprachigen Raum ist diese Vermischung laut der Soziologin noch nicht ganz so präsent, was aber nicht bedeutet, dass die Szene hier nicht vernetzt ist. Ein Beispiel sind Väterrechtler. Sie setzen sich offiziell für die Rechte getrennter Väter ein, inszenieren sich aber laut Recherchen der Investigativplattform CORRECTIV oft als Opfer des Gewaltschutzgesetzes und verfolgen unter dem Deckmantel des Kindeswohls eine frauenfeindliche Agenda. Führende Köpfe der Szene verbreiten Thesen von einer „feministischen Diktatur“, einem „prostitutionsnah organisierten Unterhaltsrechts“ und einem „mafiösen Netzwerk“ aus Hilfseinrichtungen, Behörden und Justiz, das systematische „Väterentsorgung“ betreibe. Frauen und Mütter würden das Gewaltschutzgesetz ausnutzen, um Vätern das Sorgerecht zu entziehen.
Immer wieder ist die Rede davon, dass die Mutter das Kind so stark manipuliert, dass es den Vater ablehnt oder sogar Angst vor ihm entwickelt. Obwohl dieses Konzept längst mehrfach als pseudowissenschaftlich widerlegt wurde, nutzen Väterrechtler diesen Vorwurf systematisch vor Familiengerichten, um von ihren Gewalttaten oder Missbrauch abzulenken und Müttern ihre Erziehungsfähigkeit abzusprechen. Wie ein Sonderbericht der UN zeigt, führt das unter anderem dazu, dass Familiengerichte Meldungen über häusliche Gewalt immer mehr vernachlässigen und Anwälte ihren Klientinnen inzwischen sogar raten, Gewalt ganz zu verschweigen.
Diese Netzwerke reichen in tief antifeministische, teils rechtsextreme Milieus. Ihr Einfluss ist über persönliche Verbindungen und eine starke Lobby bis in die Politik sichtbar. Im Landesverband der AfD seien etwa mehrere Personen mit Väterrechtler-Positionen, erzählt ein ehemaliges AfD-Mitglied anonym gegenüber CORRECTIV. Auf ihrer Website drückt die AfD ihre Verbindung zu Väterrechtlern etwas plakativer aus und beschreibt, dass sich bislang keine Partei „einer gezielten Politik für Männer“ angenommen habe und man sich deshalb „für die Rechte von Vätern stark machen” will.
Manosphäre-Influencer und Aktivisten können demokratische Wahlprozesse beeinflussen. Andrew Tate sei ein Extrembeispiel, doch Mini-Tates gibt es auch in Österreich. Einer davon ist Markus Streinz. Wie Recherchen des Magazins DATUM zusammen mit dem ORF zeigen, hat er sich als vermeintlicher Lebenscoach, selbst ernannter Guru und spiritueller Mentor inszeniert. Ihm wurde vorgeworfen, er hätte eine sektenähnliche Gemeinschaft aufgebaut und unter dem Vorwand der „Heilung“ seine Anhänger angeleitet, Frauen zu erniedrigen, zu schlagen und zu missbrauchen. Opfer berichten von sexueller Gewalt und massiver psychischer Manipulation, alles unter dem Deckmantel vermeintlicher „Transformation“. Streinz selbst hat einige dieser Gewaltvideos auf Social Media veröffentlicht und sich in internen Chats mit Vergewaltigungen gebrüstet, er spricht dabei von „Ritualen“.
Seit 2020 wurden insgesamt fünf Ermittlungsverfahren gegen ihn aufgenommen. Unter anderem wegen NS-Wiederbetätigung, Verhetzung, Körperverletzung und Vergewaltigung. Allesamt wurden eingestellt, Grund dafür war unter anderem die mangelnde Beweislage. Das bestätigt ein parlamentarisches Antwortschreiben von SPÖ Justizministerin Anna Sporrer. Wie Tate inszeniert sich auch Streinz als erfolgreicher Geschäftsmann, lockt mit dem Versprechen von finanziellem Reichtum, spiritueller Entwicklung und Stärke. Trotz der massiven Vorwürfe wächst Streinz Anhängerschaft.
Auch im Tätigkeitsbericht 2024 der Bundesstelle für Sektenanfragen werden Streinz und Tate als Beispiele für die “zunehmende Normalisierung antifeministischer und queerfeindlicher Narrative, die auf Social Media unter dem Deckmantel „Selbstoptimierung“ und „Lebensberatung“ verbreitet werden” genannt.
Wie Österreich auf die Manosphäre reagiert
Wie groß die Manosphäre in Österreich ist, lässt sich kaum in Zahlen messen, da betroffene Männer schweigen und sich oft selbst nicht als Mitglieder solcher Gruppierungen bezeichnen. Diese Phänomene werden deshalb meistens nur untersucht, indem Jugendarbeiter und Sozialarbeiterinnen befragt werden, die mit diesen Burschen arbeiten. Außerdem sind frauenfeindliche Codes aus diesen radikalisierten Räumen längst in den Mainstream und die Jugendkultur eingesickert. Wenn Jugendliche frauenfeindliche Begriffe verwenden, lässt sich daher oft schwer trennen, ob sie einfach provozieren wollen oder tatsächlich bereits ein geschlossenes, extremistisches Weltbild übernommen haben. Die Soziologin Brigitte Temel, die die Incel-Subkultur in Österreich erforscht hat, nennt als Beispiel, dass „Incel“ auf Social Media oft als gängige Beleidigung genutzt wird.

Auch wenn das Phänomen Incels in Österreich noch überschaubar sein dürfte, ist der Nährboden für extreme Ausformungen von Frauenfeindlichkeit in Österreich längst vorhanden. Temel sagt: „Wir haben in Österreich einfach das strukturelle Problem von Sexismus, Frauenfeindlichkeit und Antifeminismus. Da muss man auch nicht weit schauen, da reicht es, sich die Statistiken zur Gewalt gegen Frauen anzuschauen.“
Um das Wachstum solcher Subkulturen zu stoppen, muss Prävention früh ansetzen, lange bevor sich ein Weltbild verhärtet. Temel fordert daher einen massiven Ausbau der kritischen Burschenarbeit und Medienbildung, bei der Jugendliche reflektieren, warum bestimmte Inhalte sie emotional abholen. Diese Frage sei auch die größte Forschungslücke rund um die Manosphäre. Die Wissenschaft müsse versuchen, aus der Perspektive junger Menschen besser zu verstehen, welche Inhalte ihnen tatsächlich auf Social Media begegnen und nach welchen Kriterien sie die Inhalte bewerten.
Die Studienautorinnen haben einige weitere Handlungsempfehlungen für die Politik formuliert. Hier ist ein Ausschnitt davon zusammengefasst:
1. Einrichtung einer unabhängigen Antifeminismus-Monitoringstelle
Antifeminismus ist die zentrale Gemeinsamkeit der Manosphäre. Es bedarf einer Monitoringstelle auf Bundesebene, die entsprechende Netzwerke, Narrative und Akteurinnen und Akteure in Sozialen Medien kontinuierlich beobachtet und analysiert.
2. Niederschwellige, anonyme und kostenlose Beratungsstellen für Burschen und Männer
Die geschlechterreflektierte Burschenarbeit muss im Bildungs- und Jugendbereich verankert werden, um Themen wie toxische Männlichkeit und Geschlechterbilder frühzeitig aufzubrechen. Hier gilt: Um die Zielgruppe abzuholen, müssen Angebote in der Online-Welt stattfinden und bekannt gemacht werden.
3. Ausbau von Online-Jugendarbeit
Dazu gehört auch die Etablierung von Online-Chats, in denen sich junge Menschen anonym über Themen wie Sexualität und Beziehungen informieren und austauschen können. Außerdem brauche es ein konkretes Konzept, wie man die Jugendlichen online findet.
4. Einbindung der Gaming-Branche in die Extremismusprävention
Um zu verhindern, dass Jugendliche auf den Plattformen ungehindert mit frauenfeindlichen und extremistischen Inhalten konfrontiert werden, braucht es auch mehr Anstrengung auf EU-Ebene.
5. Schulungen für Polizei, Justiz, Staatsschutz und Beschäftigte im psychosozialen und medizinischen Bereich
Diese Berufsgruppen benötigen mehr spezifisches Wissen, um die Ideologie, Sprache und Codes von Gruppierungen wie Incels überhaupt erst zu erkennen. Nur so könnten sie Warnsignale richtig einordnen und im Gefahrenfall auch handeln.
6. Weiterführende und regelmäßige Forschung.
Die Manosphäre soll nicht nur in Einzelteilen, sondern in ihrer Gesamtheit untersucht werden. Besonders wichtig ist dabei auch die Erforschung von Schnittmengen zu anderen Formen des Extremismus wie Rechts- oder religiösen Extremismus.
Entscheidend sei, dass politische Entscheidungsträgerinnen und -träger Fachleute nicht nur zu Arbeitsgruppen einladen, sondern deren Input auch tatsächlich in Maßnahmen umsetzen. Das passiert nicht immer ausreichend, sagt Temel.
Auf Anfrage bei den einzelnen Ministerien, wie es mit der Umsetzung der Maßnahmen ausschaut, wurde kaum auf die konkreten Forderungen der Expertinnen eingegangen. Stattdessen verweisen die Sprecherinnen und Sprecher der Ministerien auf bereits bestehende Maßnahmen.
Das Sozialministerium, das die Studie auch mitfinanziert hat, verweist auf Investitionen in Männerberatung und Krisenhelplines. Als direkte Reaktion auf die Studie sei auch das neue Projekt „Männlich? Gewaltfrei!“ initiiert worden, das junge Männer präventiv auffangen soll. Außerdem fördere das Ministerium bis 2027 ein Forschungsprojekt zur systematischen Analyse von Frauenhass auf Social Media.
Die Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) betont, man beschäftige sich bereits seit Jahren mit der Szene, auch in verfassungsrechtlichen Aspekten. Strafrechtlich relevante Sachverhalte würden umgehend bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. Auch verweist man auf einen Runden Tisch zum Thema extremistischer Frauenhass und Online-Netzwerke der Manosphäre, der erst kürzlich stattgefunden habe. Konkrete Handlungsschritte seien daraus noch keine abgeleitet worden. Auf die empfohlene Monitoringstelle wird in der Antwort nicht eingegangen.
Im Bildungsministerium sieht man keinen akuten Nachholbedarf und erklärt, geschlechterreflektierende Pädagogik sei schon seit 2018 im Lehrplan verankert. Gefahren der digitalen Manosphäre sollen künftig im neuen Schulfach „Medien und Demokratie“ thematisiert werden. Man setze auch auf externe Workshops, die Klassen besuchen können. Seit dem Schuljahr 2024/ 2025 müssen außerdem alle Schulen verpflichtende Kinderschutzkonzepte entwickeln.
Das Kabinett der zuständigen Ministerin im Bundeskanzleramt sieht bei der operativen Umsetzung von Online-Streetwork und Burschenarbeit primär die Bundesländer in der Pflicht. Neuerungen gebe es aber im Gaming-Bereich: Durch eine EU-Richtlinie werden Spiele mit unmoderierten Chats seit Juni 2026 erst ab 18 freigegeben. Diesen Vorstoß habe Österreich unterstützt.
Eigene Narrative statt Gegenwehr
Was es neben der Politik vor allem braucht, sind alternative Konzepte von Männlichkeit, wie „Caring Masculinities“, also fürsorgliche Männlichkeiten. Ursprünglich kommt der Begriff aus der feministischen Forschung, aber die Idee wird heute vor allem von NGOs und zivilgesellschaftlichen Initiativen vorangetrieben und um junge Menschen zu erreichen, auch als Präventionsarbeit auf Instagram, TikTok und Youtube verbreitet.
Anstatt auf Dominanz und Kontrolle zu setzen, geht es darum, Fürsorge zum festen Teil der eigenen Identität zu machen. Gefühle zeigen, Verletzlichkeit zulassen und ganz selbstverständlich Sorgearbeit übernehmen soll einen Gegenentwurf zur toxischen Männlichkeit liefern.
Auch wenn Temel noch keine breite progressive Männerbewegung in Österreich sieht, sind Initiativen wie die Demo „Männer gegen Gewalt an Frauen“, die am 7.März das erste Mal in Wien stattgefunden hat, wichtige Impulse.
Es gebe laut Temel aber durchaus einige Top-Leute, Vereine und Angebote, die unter dem Stichwort der „Caring Masculinity“ wichtige Arbeit leisten würden. Die Männerberatungsstellen versuchen beispielsweise immer wieder im Netz Gegennarrative zur Manosphäre zu platzieren.
Soziale Medien nicht der Manosphäre zu überlassen, sondern eigene Narrative aufbauen und die Jugendlichen in ihrer Lebensrealität abzuholen: Das ist das Ziel von Fabian Reicher. Er hat gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen ein Buch darüber geschrieben, wie das am besten gelingt. „Unser Job ist tatsächlich auch dort zu sein, wo die Kids sind, zum Beispiel auf TikTok, und dort auch Angebote zu setzen“, erklärt Reicher. Es gehe darum zu schauen, bei welchen Bedürfnissen die Jugendlichen abgeholt werden und wie man eigene Erzählungen so gestalten kann, dass sie spannend und unterhaltsam sind, aber trotzdem positive oder progressive Werte beinhalten. „Die Gleichwertigkeit aller Menschen, Zusammenarbeit und Solidarität sind Werte, die wir vermitteln wollen, und es funktioniert. Allerdings funktioniert es halt nicht, wenn man pädagogisiert oder wenn man halt stinklangweilige Sachen macht.“
Reicher warnt aber davor, dass eine ständige Dramatisierung des Themas nach hinten losgehen kann. Wenn in der Präventionsarbeit immer nur betont wird, wie furchtbar und schlimm die Entwicklungen der Manosphäre sind, spielt das den Akteuren letztlich nur in die Hände. Denn für sie sei jede Form von Aufmerksamkeit ein Gewinn. „Wir versuchen eigene Geschichten zu erzählen, nicht immer darauf zu reagieren oder das zu skandalisieren, sondern den Kids etwas anzubieten.“
Am besten gelingt das, wenn man nicht über die Jugendlichen spricht, sondern sie selbst machen lässt. Ein gutes Beispiel dafür ist das Projekt „Cop & Che“, sagt Reicher. Dahinter stecken Ahmad, ein Jugendarbeiter in Wien, und Uwe, ein Polizist. Ahmad floh als kleines Kind mit seinen Eltern aus Tschetschenien und habe sich als 13-jähriger Jugendlicher aus Angst nie getraut, einfach so auf einen Polizisten zuzugehen und ihn etwas zu fragen. Aus dieser Erfahrung heraus entstand die Idee zum gemeinsamen Instagram-Kanal: Auf der Straße und online können junge Menschen dem Polizisten Fragen stellen. Gleichzeitig werden wichtige Themen wie Polizeigewalt oder Racial Profiling diskutiert. Es ist ein „bottom-up“-Format, das funktioniert, weil es direkt aus der Lebenswelt eines Jugendlichen kommt.
Was für Reichers Arbeit besonders wichtig ist: Humor. Ursprünglich waren Humor und Satire klassische Stilmittel der progressiven Seite, um ungestraft Gesellschaftskritik auszuüben. Inzwischen ist diese Strategie jedoch längst komplett ins Gegenteil gedreht worden: Anstatt mit Humor nach oben gegen die Mächtigen auszuteilen, richte er sich heute nach unten. „Wir haben Kids, die lachen und finden es lustig, und dann kommen wir Pädagogen und sagen: Du darfst nicht darüber lachen. Das funktioniert nicht. Man kommt in eine Verteidigungshaltung“, sagt Reicher. Man könne Kinder nicht dafür kritisieren, dass sie etwas lustig finden, das einfach lustig gemacht ist. Man müsse ihnen zugestehen, dass sie etwas lustig finden dürfen, und anerkennen: Nur weil du über so einen Witz lachst, bist du kein böser Mensch. Erst in einem zweiten Schritt setzt Reicher auf die sogenannte „Verantwortungspädagogik“. Reicher formuliert das im Gespräch mit den Jugendlichen so: „Lachen ist die eine Sache. Die andere Frage ist: Ist das cool, etwas weiterzuschicken, wo zum Beispiel alle Frauen abgewertet werden? Es ist deine Entscheidung, wie du durchs Leben gehen willst. Willst du versuchen, so viel Gutes wie möglich zu verbreiten? Oder willst du halt ein Arschloch sein und Rassismus und Sexismus verbreiten? Das ist deine Entscheidung. Ich finde die erste Variante cooler.“
Das Vorleben positiver Werte, das Reicher hier anspricht, ist ein entscheidender Hebel in der Präventionsarbeit. Denn um junge Männer aus der Radikalisierungsspirale der Manosphäre herauszuholen, braucht es echte, greifbare Gegenentwürfe. Auch Brigitte Temel betont: „Ich glaube, es braucht Männer, die so ehrlich sind, sich hinzustellen und zu sagen: Ja, ich habe auch schon Gewalt gegen Frauen ausgeübt. Und nicht diese Art von Männern, die sagen: Ich und meine Bros, wir machen das nicht.“ Je mehr Männer sich offen hinstellen und dazu stehen würden, dass sie auch schon sexistisch waren, desto mehr Potenzial bestehe, dass sich daraus etwas Neues entwickeln kann – vielleicht sogar eine richtige Bewegung, meint Temel.
Die Manosphäre bietet jungen Männern in Zeiten von Verunsicherung scheinbar einfache Antworten, die durch Social-Media-Algorithmen schnell in extremistische Ideologien abgleiten können. Um zu verhindern, dass radikale Akteure den digitalen Raum und die Jugendkultur dominieren, darf das Netz nicht sich selbst überlassen werden. Dafür braucht es neben flächendeckender Prävention vor allem starke eigene Narrative: echte männliche Vorbilder, die „Caring Masculinities“ vorleben, Fürsorge anstelle von Dominanz setzen und den Mut haben, auch eigenes toxisches Verhalten ehrlich zu reflektieren. Diese Radikalisierungsspirale kann nur durchbrochen werden, wenn wir jungen Menschen authentische Alternativen aufzeigen und sie in der eigenen Lebensrealität abholen.
Im Audio wurde folgende Quelle zitiert:
https://www.youtube.com/shorts/lcXHpDixRZ0
https://www.youtube.com/shorts/jN1OiLKOcU4
https://www.youtube.com/shorts/N5We1zDKcrM
https://www.youtube.com/shorts/W4JH2dbJCek
https://www.youtube.com/shorts/ZMFdFCx-r3E
https://www.youtube.com/watch?v=QJc234jkJ2w
https://www.youtube.com/watch?v=V5aJFioY1pc
https://www.youtube.com/shorts/Pyxf7PW1A1o
https://www.youtube.com/shorts/KoAZ0Jr0n3E
https://vm.tiktok.com/ZGd9HK9TH/
https://vm.tiktok.com/ZGd9HQcsb/
https://vm.tiktok.com/ZGd9HbhX7/
https://vm.tiktok.com/ZGd9Hbtnn/
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https://vm.tiktok.com/ZGd9HnXqu/
https://www.tiktok.com/@farhakhalidi/video/7347472216470146346?is_from_webapp=1&sender_device=pc
https://vm.tiktok.com/ZGd9HG6LY/
https://vm.tiktok.com/ZGd9HQDU9/
https://vm.tiktok.com/ZGd9HTa8G/
https://vm.tiktok.com/ZGd9HQuCX/
Sprecherinnen und Sprecher: Sandra Czadul, Benjamin Breitegger und Ingo Hasewend
Audioproduktion und Sounddesign: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Yannik Milz
